Stein-Ausstellung im Kolbe Museum : Vor der Zeit der Menschen

Steinzeit im Georg Kolbe Museum: eine Ausstellung mit Arbeiten von William Tucker, Kai Schiemenz und Stefan Guggisberg.

Bei 1000 Grad im Ofen gebacken. Glassteine von Kai Schiemenz.
Bei 1000 Grad im Ofen gebacken. Glassteine von Kai Schiemenz.Foto: Enric Duch

Sie sind aus Glas, Bronze, Papier oder Polyester – aus Stein ist keines der Werke in der Ausstellung „Bunte Steine“ des Georg Kolbe Museums. Der Titel bezieht sich auf den österreichischen Schriftsteller Adalbert Stifter, der im Jahr 1853 einen Prosaband herausbrachte, dessen Erzählungen jeweils nach Steinen benannt sind: „Granit“ und „Kalkstein“, „Turmalin“, „Bergkristall“ und „Katzensilber“.

In den Geschichten schreibt Adalbert Stifter über Begegnungen von Menschen mit der Natur. Von Zeitgenossen wurde ihm vorgeworfen, sich zu sehr auf das Detail zu beschränken und dabei das große Ganze und den Menschen aus den Augen zu verlieren. Heute lernen schon die Schulkinder, dass nur die Achtsamkeit für das Kleine die Welt zusammenhalten kann.

Die wuchtige Ausstellung vermittelt einen Eindruck von der Zeit vor dem Menschen – oder nach dem Menschen, das bleibt ungewiss. Wie Brocken eines Meteoriten sind die unregelmäßigen Bronzeköpfe des britischen Bildhauers William Tucker in Kolbes Atelier eingeschlagen. Tuckers Plastiken entstehen aus dem brachialen Umgang mit dem Material. Er selbst beschreibt, wie er die Formen auf den Betonboden schmettert, sie mit der Axt behaut oder mit der Säge zerstückelt und anschließend wieder zusammenfügt. Seine künstlerische Technik erinnert an die Urgewalt einer Lawine, die Geröll und Bäume aus dem Berg reißt und zu einer neuen Form zusammenzwingt.

Weg von der Flüchtigkeit digitaler To-do-Listen

Zwar zitiert Tucker mit dem Kopf „Homage to Rodin (Bibi)“ das Porträt, das der französische Bildhauer 1874/75 von einem Arbeiter mit gebrochener Nase gefertigt hat. Aber bei Tucker bleibt vom Gesicht vor allem die Verletzung. Seine Köpfe sind über den Menschen hinausgewachsen.

Stifter, der Autor von „Bunte Steine“, beschreibt, wie er in seiner Kindheit nicht nur Steine, sondern auch farbige Glasscherben sammelte und von ihrem Funkeln fasziniert war. Man stellt sich dieses Erlebnis vor wie die Begegnung mit den Plastiken von Kai Schiemenz. In einem langwierigen Prozess hat der Künstler Fragmente aus einem Steinbruch in farbigem Glas nachgegossen. Über mehrere Wochen mussten die Formen bei 1000 Grad Celsius im Ofen backen und dann ganz langsam abkühlen.

Für die Polyesterfigur „Fade to Gray“ wiederum stand Ötzi, der Mann aus dem Eis, Modell, dessen Leichnam im Gletscher mumifiziert und erst durch die Schmelze freigegeben wurde. Die „Bunten Steine“ konfrontieren die Besucher mit einem anderen Zeitmaß – weg von der Flüchtigkeit digitaler To-do-Listen hin zu einer statischen Massivität des Daseins. Doch selbst diese Stabilität wankt.

Die Bilder beharren auf ihrer Autarkie

Die Bilder von Stefan Guggisberg entwischen blitzschnell dem Auge. Der Schweizer, gelernter Grafiker, studierte Fotografie und Malerei in Leipzig bei Timm Rautert und Neo Rauch. Seine Großformate sehen aus wie Ölmalerei, nur an den Nähten lässt sich erkennen, dass Guggisberg die Farbe auf Papier aufträgt. Danach aber radiert der Künstler sie wieder weg. Bei der Betrachtung spiegelt sich der Prozess von Werden und Vergehen. Da scheint sich die schroffe Felsformation einer Kalksteinwand zu konkretisieren und löst sich wieder auf zu vagen Schemen.

Auch Guggisberg verwendet Körperkraft, um seine Vexierwelten zu erschaffen. Für das Großformat „Nabel“ hat er blaue Farbe mit dem Lappen in das Papier eingerieben, mit dem Spachtel Weiß aufgetragen und wieder wegradiert. Jetzt flitzen Gesteinsbrocken durch dieses Universum, Umlaufbahnen von Planeten schimmern auf, Äther und Stein begegnen sich außerhalb der Realität. Die Bilder beharren auf ihrer Autarkie.

Schade nur, dass die beiden Kuratorinnen Katherina Perlongo und Elisa Tamaschke für ihre wohltuend kantige Ausstellung auf Beschriftungen verzichtet haben. So müssen die Besucher die Titel der Werke etwas mühsam nach einer Lageskizze rekonstruieren. Das Zusammenspiel der drei Künstler aber funktioniert. Es entsteht eine zeitlose Welt zwischen Erde und All. Nur der Mensch bleibt ein zartes Detail.

bis 1. Mai, Georg Kolbe Museum, Sensburger Allee 25, täglich von 10 bis 18 Uhr

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