„Stellar Fauna“ am HAU3 : Wenn Delfine tanzen

Kat Válastur ist eine der originellsten Schöpferinnen der Berliner Tanzszene. In „Stellar Fauna“ am HAU3 erkundet die Choreografin die digitale Wildnis.

Zerfließende Konturen. Harumi Terayama, eine der beiden Tänzerinnen in "Stellar Fauna".
Zerfließende Konturen. Harumi Terayama, eine der beiden Tänzerinnen in "Stellar Fauna".Foto: Leon Eixenberger

Malerisch drapiert liegen die beiden Frauen im Halbdunkel. Die Zuschauer hocken in der Mitte der Bühnenfläche des HAU3 und blicken erwartungsvoll auf die Tänzerinnen Harumi Terayama und Maria Zimpel, die an den entgegengesetzten Enden des Raums platziert sind. Es ist eine intime Situation – nur eine kleine Schar darf die Frauen betrachten, die fast wie Kunstobjekte neben einem tropfenförmigen Stein und einem Plexiglasschild postiert sind. Zugleich geht von der Szene eine erotische Verheißung aus.

Zunächst sind Atemgeräusche zu hören, die immer schneller werden, dann vernimmt man das Fauchen und Brüllen eines unsichtbaren Tiers. Der Ruf der Wildnis. Aber es ist die digitale Wildnis, in die Kat Válastur in ihrer neuen Produktion „Stellar Fauna“, die vom HAU Hebbel am Ufer produziert wurde, entführt. Der Abend besteht aus zwei Teilen: einer Tanzperformance und einer Video-Installation, und lässt die Zuschauer immer tiefer in unbekannte Sphären eintauchen.

Tänzerinnen mutieren zu digitalen Wesen

Schon in „Rasp your Soul“, einem Solo für Enrico Ticconi, zeigte die Berliner Choreografin eine Bühnenkreatur, die zwischen dem Organischen und dem Künstlichen changiert. Daran knüpft Kat Válastur nun in „Stellar Fauna“ an. Künstler Leon Eixenberger hat wieder das Bühnenbild und die Skulpturen entworfen. Durch perfektes Zusammenspiel von Bewegung, Sound, Licht und Bühnenbild entfaltet die Performance eine starke Sogkraft. Einmal mehr wird deutlich: Kat Válastur ist eine Choreografin mit ganz eigener künstlerischer Vision. Und sicherlich eine der reflektiertesten Schöpferinnen der Berliner Tanzszene.

Harumi Terayama und Maria Zimpel tragen hautfarbene Trikots, die mit schwarzen Buchstaben bedruckt sind, was aussieht wie ein Ganzkörper-Tatoo. Ihre Gesichter glänzen in einem Goldton. Kat Válastur geht vom Vertrauten aus: Die weiblichen Körper scheinen anfangs zum Greifen nah, werden uns dann immer fremder. Echte und virtuelle Welt scheinen ineinanderzufließen. Die Tänzerinnen mutieren zu digitalen Wesen, ohne dass für diese Verwandlung Computertechnologien eingesetzt würden. Nur durch Bewegungen und Mimik wird die Transformation zum Ausdruck gebracht. Die Stimmen der Performerinnen sind allerdings elektronisch verfremdet. Manchmal erinnern sie an die Frauenfiguren in Computerspielen: an eine Kriegerin, eine Priesterin. Oder eine Geisha mit Piepsstimme, was sehr komisch ist. Rituelle Gesten wechseln mit einer aggressiven Anmache. Das Selbst der beiden Frauen scheint sich immer mehr aufzulösen, und bald steigern sie sich in eine wahre Untergangslust hinein. Wie ein Mantra wiederholen sie den Satz: „We are waiting for the floods to break free although that would be the end of us“.

Der Mensch verliert die Kontrolle

Im Video sieht man beide zunächst in goldenem Licht am Pool liegen. Gleiten sie ins Wasser, zerfließen die Konturen. Das erinnert schon mal an die Bilder von David Hockney, nur dass die Szenen in ganz andere Farben getaucht sind. In „Stellar Fauna“ färbt sich das Wasser purpur. Ein pseudo-wissenschaftlicher Kommentar, wie man ihn aus Tierfilmen kennt, erklärt das Herz-Kreislauf-System dieser erstaunlichen Kreaturen, die sich perfekt an eine veränderte Umwelt angepasst haben. Beim Tauchen sind Tänzerinnen so wendig wie Delfine. In einem Unterwasserballett führen sie Rollen vorwärts aus und produzieren Luftbläschen. Blicken die beiden Wassernixen zum Schluss mit undurchdringlicher Miene in die Kamera, muten sie wie gefühllose Cyborgs an.

Ein Öko-System, das immer mehr sein Gleichgewicht verliert, und eine Verwilderung im digitalen Raum: Für Kat Válastur gehören diese beiden bedrohlichen Entwicklungen zusammen. Was „Stellar Fauna“ so unheimlich macht: Sie zeigt die schleichende Veränderung der Körper in der digitalen Sphäre. Und wie in dystopischen Erzählungen macht sie deutlich, dass der Mensch die von ihm geschaffene Welt bald nicht mehr kontrollieren kann. Performance und Video-Installation bewegen sich zwischen Faszination und Bedrohung. Kat Válastur verbindet auf gelungene Weise Reflexion und Sinnlichkeit. Und Harumi Terayama und Maria Zimpel sind schön schaurig mit ihrem changierenden Ausdruck und ihren fluiden Identitäten. „Stellar Fauna“ ist mit 45 Minuten ein kurzer, aber intensiver Abend.

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HAU3, wieder am 23. und 24. November, 19 und 20 Uhr

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