• Stephen Hawking, Doris Dörrie, Edward Snowden: Denis Scheck kommentiert die Bestsellerliste

Stephen Hawking, Doris Dörrie, Edward Snowden : Denis Scheck kommentiert die Bestsellerliste

Einmal monatlich bespricht der Literaturkritiker die „Spiegel“-Bestsellerliste - parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“. Diesmal: die Rubrik Sachbuch.

Der Literaturkritiker Denis Scheck.
Der Literaturkritiker Denis Scheck.Foto: picture alliance / Rolf Vennenbernd / dpa

10.) Michael Horeni/Hans-Joachim Watzke: Echte Liebe (C. Bertelsmann, 286 S., 20 €)

 Eine moderne Heiligenlegende über einen Selfmademan, der sein Leben seinem Unternehmen und seiner Familie, der CDU und einem Fußballverein weiht, geschrieben in martialischer Wochenschau-Sprache von einem „FAZ“-Sportjournalisten. Zitat: „dieser Kampf, den Hoeneß an vorderster Front gegen Borussia Dortmund führt …“ So sehen sie aus, die Stalin-Oden unserer Zeit.

  9.) Peter Wohlleben: Das geheime Band zwischen Mensch und Natur (Ludwig, 240 S., 22 €) 

 Längst haben wir Deutschen nicht nur einen Nationaltorhüter, sondern auch einen Nationalförster, eher Ex-Förster, denn Peter Wohlleben nennt seine Kollegen von früher ja „Baummetzger“. Wohlleben ist so etwas wie der Baumhirt der Deutschen geworden. Dieses schlaue Buch, in dem er sein breites Wissen um den Wald ausbreitet und etwa erklärt, warum die aktuelle Sehnsucht nach dem Wald keineswegs Eskapismus ist, liefert einen schönen Beleg dafür, daß Wissen froh macht.

 8.) Stephen Hawking: Kurze Antworten auf große Fragen (Deutsch von Susanne Held u. Hainer Kober, Klett-Cotta, 253 S. , 20 €) 

 Wissen macht froh: das gilt auch für dieses Buch, in dem der Astrophysiker Stephen Hawking Ziele für das Streben der Menschheit nennt: „Für die Zukunft stehen uns zwei Möglichkeiten offen“, schreibt er. „Erstens die Erkundung des Weltalls mit dem Ziel, alternative Planeten zu finden, auf denen wir leben können; und zweitens der gezielte Einsatz Künstlicher Intelligenz zur Verbesserung unserer Welt.“ Na denn, packen wir's an!

  7.) Max Otte: Weltsystem Crash (FBV, 639 Seiten, 24,99 €) 

 „Weitgehend ungebremste Migrationsströme nach Europa sorgen in der Alten Welt für tiefe Risse und Spaltungen in den Gesellschaften“, schreibt der AfD-Vordenker Max Otte, unterschlägt dabei aber, dass es alarmistische Aufmerksamkeitsprofiteure wie er sind, die dafür sorgen, dass Risse und Spaltungen in westlichen Demokratien größer werden und das Vertrauen in unsere politischen Institutionen erschüttert wird. Aus diesem Buch lernt man, wie ein Feindbild konstruiert wird: Angela Merkel, die EU, der „Mainstream“, „die herrschende politisch-mediale Elite“, und wie Otte versucht, am selbst entzündeten Feuer der Empörung sein unappetitliches Süppchen zu kochen. All das löst Ekel in mir aus. Meine Eitelkeit ist groß genug, mich selbst zu dieser herrschenden politisch-medialen Elite zu zählen. Und noch ist diese Elite handlungsfähig...

  6.) Richard David Precht: Sei du selbst (Goldmann, 608 S., 24 €) 

 Wie schön, dass der dritte Band einer kompetent geschriebenen populären Philosophiegeschichte hierzulande auf der Bestsellerliste steht. Precht beleuchtet, wie „Philosophieren nach Gott“ in einer ganz offenbar nicht für den Menschen geschaffenen Welt etwa bei Kierkegaard und Schopenhauer, Sigmund Freud und Friedrich Nietzsche, Karl Marx und Max Weber im 19. Jahrhundert aussieht.

  5.) Doris Dörrie: Leben, Schreiben, Atmen (Diogenes, 176 S., 18 €) 

 Der Mensch als das erzählende Tier steht im Mittelpunkt von Doris Dörries inspirierender, unprätentiöser Schule des Schreibens: mit autobiographischen Geschichten motiviert Dörrie ihre Leserinnen und Leser, schreibend ihr eigenes Leben neu zu entdecken. Ein begeisterndes Buch!

  4.) Bas Kast: Der Ernährungskompass (C. Bertelsmann, 320 S. 20 €) 

 Das beste Diätbuch, das ich kenne. Aber wie Sie sehen: Wissen macht vielleicht schlau, aber leider nicht schlank …

 3.) Edward Snowden: Permanent Record (Deutsch von Kay Greiners, S. Fischer, 432 Seiten, 22 €) 

 Als Angestellter der National Security Agency deckte Edward Snowden vor sechs Jahren auf, in welchem empörenden Ausmaß der amerikanische Geheimdienst unsere Daten abschöpft. Dafür musste er als klassischer Whistleblower einen hohen Preis zahlen und in Russland um Asyl bitten. In meinen Augen hat Snowden uns allen einen großen Dienst erwiesen. Seine spannende Autobiographie ist ein flammendes Plädoyer, uns digital nicht versklaven zu lassen.

  2.) Marc Friedrich/Matthias Weik: Der größte Crash aller Zeiten (Eichborn Verlag, 400 Seiten, 20 €) 

 Noch zwei Finanz-Alarmisten, die mit der Bewirtschaftung unserer Ängste ein einträgliches Auskommen auf der Bestsellerliste finden. Der Euro, so Friedrich und Weik, scheitert spätestens 2023. Warten wir's ab. Wer allerdings wie Friedrich und Weik allen Ernstes die „Bild-Zeitung“ in einem Atemzug mit dem „Spiegel“ unter „Qualitätsblättern“ einordnet, hat nicht nur seinen Kompass verloren, sondern sein Schiff. Solchen Bauernfängern begegnete man früher eher auf Jahrmärkten als zwischen zwei Buchdeckeln.

  1.) Jonathan Safran Foer: Wir sind das Klima! (Deutsch von Stefanie Jacobs und Jan Schönherr, Verlag Kiepenheuer & Witsch, 336 S., 22 €)

  Ein Kapitel gibt es in diesem Buch, das mich ein wenig Hoffnung schöpfen ließ. Foer geht ins Kino, schaut sich Al Gores „Eine unbequeme Wahrheit“ an und denkt dann in einem langen Kapitel darüber nach, warum dieser Film die unbequemste Wahrheit verschweigt. Endlich, dachte ich, endlich spricht es mal jemand aus, endlich sagt der zweifache Familienvater Jonathan Safran Foer, dass der wichtigste Beitrag, den wir zum Schutz des Klimas leisten können, der Verzicht auf Kinder ist.

Leider bin ich enttäuscht worden. Foer schreibt ab Seite 73 von den Auswirkungen landwirtschaftlicher Tierhaltung auf die Umwelt und fordert einen Verzicht auf tierische Produkte – nicht immer, aber wenigstens vor dem Abendessen. Erst auf Seite 115 wird in einem lapidaren Nebensatz erwähnt, dass „weniger Kinder kriegen“ ein guter Beitrag wäre. Aber diese Erkenntnis konterkariert Safran Foer mit dem Satz: „Die wenigsten Leute denken aktuell über ein Kind nach.“ Das finde ich intellektuell unredlich – so bewirtschaftet man ein aktuelles Thema für seine eigene Agenda. Enttäuschend.

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