Stickbilder von Oliver Rincke : Den Fäden folgen

Oliver Rincke gibt der Kunst des Stickens eine neue Bedeutung. Die Galerie Art Cru zeigt die Arbeiten des Outsider-Künstlers.

Suzan Kizilirmak
Oliver Rincke, Ohne Titel, 2017, Wolle, Wellkarton
Oliver Rincke, Ohne Titel, 2017, Wolle, WellkartonFoto: Galerie Art Cru

Ein weißer Adler aus Wolle hebt sich von dem zum Rechteck geschnittenen Karton ab. Majestätisch spannt das Tier die Flügel auf, zwischen seinen Klauen steht in goldenen Lettern „OLIVER“. Sein Gesicht ist ein roter Punkt. Es ist das Auftaktwerk der ersten Einzelausstellung von Oliver Rincke in der Galerie Art Cru, wo knapp 25 Arbeiten und eine im Punkerstil bestickte Jacke die weißen Souterrain-Räume füllen.

In seinen auf Karton gestickten Wollmotiven verarbeitet Rincke Figuren wie Michael Knight oder Kultfilme wie „Star Wars“. Skorpione sind ein wiederkehrendes Motiv. Es bereitet Freude, den vielen Fäden der Arbeiten zu folgen und sie im Kopf zusammenzusetzen. Auch die Wrestling-Gürtel zeigen Skorpione oder vor Stärke strotzende Stiere. Besonders eindrücklich sind die Wrestler- oder Voodoo-Masken. Sie flößen Angst ein und scheinen mit den herausgezupften Fäden von einem überstandenen Kampf zu erzählen.

Der kräftige Mann mit Nickelbrille gibt der Kunst des Stickens eine neue Bedeutung. Im Mittelalter bildete sich der Begriff der acu pictores, der Nadelmaler, die sich in Gilden zusammentaten und mit Malern oder Bildhauern austauschten. Ihre Werke sind wichtige Zeugnisse der Zeit. So kann eine Tischdecke des 16. Jahrhunderts mit ihren Applikationen Aufschluss über den Alltag jener Zeit geben. Rincke teilt mit anderen ein Atelier in der Berliner Werkstatt für Theater und Kunst, kurz Thikwa. Seine Werke repräsentieren die Einflüsse auf seine Generation: die Helden der Popkultur der 80er und 90er. Statt feiner Perlen und Goldfäden, die einst den Status des Auftraggebers verdeutlichten, arbeitet Rincke mit dem Material, das ihm in der Werkstatt zur Verfügung gestellt wird und gefundenen Gegenständen, wie Flaschendeckeln oder Holzstücken.

Die Bilder des Outsider-Artist Dan Miller hängen im MoMA

Wie seinen Ateliergenossen blieb Rincke eine Ausbildung an der Kunsthochschule verschlossen. Seine Werke werden zur „Art brut“, zur rohen Kunst, gezählt. Der Künstler Jean Dubuffet schuf den Begriff 1945 für die Kunst gesellschaftlicher Outsider, die seiner Ansicht nach eine neue stilistische und thematische Grammatik erfanden. Er verglich Kunst mit Gold. So wie rohes, unverarbeitetes Gold, „Or brut“, seinen Wert nicht verliere, bleibe Kunst von Außenseitern Kunst. Allerdings benötigt sie bis heute Unterstützung, um im Kunstbetrieb anerkannt zu werden. Die Thikwa-Werkstatt tut dies, indem sie die Künstler zu Wettbewerben anmeldet und Ausstellungen organisiert, ebenso die Galerie Art Cru.

Deren Leiterin Alexandra Gersdorff-Bultmann betreibt seit 20 Jahren die einzige Galerie für Outsider-Kunst in Berlin und vertritt Künstler wie Dan Miller, dessen Arbeiten inzwischen im MoMA in New York hängen. Sie spricht begeistert von ihren Künstlern, allesamt Menschen mit geistiger Beeinträchtigung oder Psychiatrieerfahrung. Besonders stolz ist sie darauf, dass die Arbeit „Oliver Adler“ (2015) nach der Ausstellung in eine Schweizer Sammlung kommt. In der Schweiz hat Outsider Art Tradition – auch weil in Lausanne Dubuffets Stiftung mit dessen eigener Art-brut-Sammlung beheimatet ist.

Galerie Art Cru, Oranienburger Str. 27; bis 28.2., Di–Sa 12–18 Uhr

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