• Stille in Theatern, Konzerthäusern, Stadien: Eine Kulturgeschichte des Applauses in Zeiten der Coronakrise

Stille in Theatern, Konzerthäusern, Stadien : Eine Kulturgeschichte des Applauses in Zeiten der Coronakrise

Applaus! In der Kultur und beim Sport fehlt er, dafür wird von den Balkonen und Straßen umso mehr geklatscht. Eine kleine Kulturgeschichte.

Abwehrzauber. Das Personal einer Klinik in Barcelona bedankt sich klatschend für den Applaus aus der Stadt.
Abwehrzauber. Das Personal einer Klinik in Barcelona bedankt sich klatschend für den Applaus aus der Stadt.Foto: AP/dpa-bildfunk/Emilio Morenatti

Der Applaus dauerte 29 Sekunden. Nachdem Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble den Ärzten, Pflegekräften und den Mitarbeitern der Gesund- und Sicherheitsbehörden gedankt hatte, erhoben sich ausnahmslos alle Abgeordneten des Deutschen Bundestages und applaudierten stehend.

Diese symbolische Gratifikation ist ein Nachklang des Beifalls, der von Straße zu Straße, von Balkon zu Balkon durch Europa zieht. Dieser Beifall ist ein Antidot, ein Abwehrzauber, eine Geste des Dankes und eine Selbstbehauptung: Unsere Hände leben noch, wir sind noch da! Wo Menschen klatschen, finden sie zusammen, über alles Trennende hinweg, bilden sie eine kurzzeitige Gemeinschaft, mal hedonistisch, mal karitativ oder existenziell grundiert.

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Im Applaus begegnet sich der Mensch selbst, als Affe, König und sterbliches Wesen. Der Applaus ist kurz, aber uralt. In ihm steckt die ganze Menschheitsgeschichte. Das springt ins Auge und Ohr gerade jetzt, wo er fehlt. Die Arenen des Beifalls sind verwaist, das kulturelle Bindemittel ist obdachlos geworden.

Ohne Beifall fällt der Fußballgott ins Nichts

Ohne Beifall fällt der Fußballgott ins Nichts, der Popstar hat Entzugserscheinungen, verwaist sind die Theater, die Kinos, die Konzerthallen, all die Orte, wo sich Menschen mit dem Augenblick und sich selbst vermählen, indem sie applaudieren.

Wir applaudieren den „systemrelevanten Berufen“ – eine Kategorisierung, in der eine neue Inhumanität siedelt – , weil wir selbst nicht ohne ihn auskommen. Vielleicht rührt das schlechte Gewissen, denn wer hätte jemals von Applaus für eine Krankenschwester gehört? Sind wir gerade jetzt, wo wir uns einbilden, solidarisch die Hände zu rühren, die größten Ego-Claquere?

Der Applaus ist selten dingfest zu machen, er ist ein ebenso unreines wie erhabenes Geschöpf, er speist sich aus Angst oder Euphorie, sucht den Himmel und stürzt doch zur Hölle.

Als der Mensch noch ein Fell trug und kaum Mensch genannt werden konnte, war das Klatschen der Speer gegen den Feind in der Finsternis. Das Klatschen war Wort vor dem Wort, ein Gestammel der Körper auf der Suche nach Sinn.

Irgendwann, als der Mensch sesshaft geworden war und die Langeweile Einzug hielt, als Mythen sich in Geschichten und Theaterstücke verwandelten, fingen die Menschen an, Theater zu bauen. Das stufenförmig aufsteigende Amphitheater war eine Klangschüssel. Eine Architektur der Resonanzverstärkung.

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Sind wir nicht alle kleine Sonnenkönige

Die Griechen wollten nicht nur die Sprecher hören, sie wollten auch sich selbst begegnen, als Bürger, als Augenblicksgemeinschaft, die die Hände rauschen ließ, mal wie Regen, wie Blitz und Donner. Im römischen Senat war der Beifall eine Art Handinnenflächengericht, je nachdem wie lang, mit welcher Intensität und Handwölbung geklatscht wurde, konnte der Beifall als Zustimmung oder Ablehnung gedeutet werden.

In den politischen Sphären Griechenlands und Roms wurde der Beifall also politisch codiert, er antizipierte die Egalität der Demokratie, blieb aber zunächst das somatische Ausdrucksgremium der herrschenden Klasse. Auch Monster bedienten sich seiner. Kaiser Nero etwa zwang tausende zur sklavischen Hagiographie, seine Soldaten mussten Euphorie mimen. Ihre rasenden Hände sandten den Ruhm des Kaisers, wenn dieser sprach oder sang, in alle Himmelsrichtungen.

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Ein nahezu heiliges Monster war auch Ludwig XIV. Nur wenn er klatschte, durften die anderen folgen. Er war der Taktgeber, ihm Beifall zollen hieß Unterwerfung und Affirmation der Prachtentfaltung. Als er starb, klatschten die Höflinge Beifall, wenn er nur einen Bissen zu sich nahm. Der Körper des Königs war ein Spektakel, eine Staatskörpershow, die durch Beifall beatmet werden musste

Die Moderne machte dann dieser Art Feudal-Monster den Garaus und gebar neue Formen des Beifalls. Der Bürger betrat die historische Bühne, und so wie er neue Möbel, Tapeten und Bilder für sich und seine Innenwelten finden musste, bedurfte es einer neuen Ökonomie der Gefühle. Das bürgerliche Trauerspiel endet selten gut, aber es lässt die Hände tränen.

Im Applaus steckt viel Gutes - aber auch eine Gefahr

Der affektgeschüttelte Theatersaal wird zur Selbstbegegnungsstätte des Bürgers, der zugleich seine Gefühle findet und erfindet, normiert und monopolisiert. Mit Lessings oder Schillers Trauerspielen inthronisieren sich die neuen Herren der Welt und mit ihnen siegen neue Gefühls- und Sittlichkeits-kulturen – und ganz nebenbei beginnt der Triumphzug des Kapitalismus, der nicht nur Waren handelt, sondern bald auch Menschen und ihre Emotionen. Mit diesem Abschnitt beginnt aber auch die Disziplinierung und Ausdifferenzierung des Beifalls.

Richard Wagner, auch er ein Gefühlstyrann, verordnete seinem Publikum in Bayreuth Stille und die Dunkelheit des Theatersaales, kein Tumult mehr wie noch zu Shakespeares oder Schillers Zeiten sollte die geniale Kunst stören. Die emotionale Explosion sollte zuallererst in Wagners Welten stattfinden, ehe die Zuschauer ihre gestauten Gefühle loslassen durften.

Das erst Publice Viewing der Richard-Wagner-Festspiele auf dem Volksfestplatz in Bayreuth - das war 2008. Heute in Zeiten der Coronakrise unvorstellbar.
Das erst Publice Viewing der Richard-Wagner-Festspiele auf dem Volksfestplatz in Bayreuth - das war 2008. Heute in Zeiten der...Foto: DPA/Marcus Führer

Es ist sicher kein Zufall, dass in Bayreuth 1980 ein rekordverdächtiger Schlussapplaus gemessen wurde. Mehr als 90 Minuten klatschte das Publikum, als die letzte Vorstellung von Patrice Chéreaus Jahrhundertring über die Bühne ging. Und es ist bestimmt auch kein Zufall, dass Wagner, der Tyrann der Emotionen, in Hitler einen folgsamen Applausschüler fand, der sich ihm, dem Götterliebling, in dessen Arena noch unterwarf, als er selbst schon zum Kanzlergott geworden war.

Das 19. Jahrhundert diversifizierte den Applaus. Der Claqueur wurde geboren. In der Pariser Opern- und Operettenwelt war das ein hochspezialisierter Beruf. Die „Mietenthusiasten“ (Heinrich Heine) verursachten hohe „Ovationskosten“. So gab es etwa den Pleureur (der Heuler), den Rieurs (der Lacher) oder den Connaisseur (der Kenner). Sie gaben Emotionen vor und lenkten das Körperkollektiv.

Im Applaus besinnt sich der Mensch auf seine Humanität

In Diktaturen pervertierten die Monster die Lenkung der Masse. Stalin ließ sich so lange zujubeln, bis ein Glöckchen das Zeichen zum Verstummen gab. Wer zu früh aus dem Klatschkörper ausstieg, war verdächtig; das Gleiche galt für die Publikmacht dann dieser Art Feudal-Monster den Garaus und a in der NS-Zeit, die dem Führer zu huldigen hatten. Gerade in diesen Tagen sollten wir uns klar machen, ob in unseren Beifallsstürmen status quo ante, vor dem Virus, vielleicht auch ein Tyrann tobte oder ihm tyrannische Tendenzen innewohnen.

Sind wir heute, in einer „Kultur der Singularitäten“, selbst die kleinen Sonnenkönige, die nur den Beifall zulassen, der unserer narzisstischen Selbstbestätigung dient? Wer kann sich Beifall eigentlich leisten, wenn eine Konzertkarte mehr als 100 Euro kostet? Sind wir vielleicht die „Jubelperser“ des Systems? Wessen Blut klebt an den Händen des großen Einverstandenseins? Trennt uns der Beifall mehr, als dass er verbindet?

Wir können lernen. Gerade jetzt, wo der Beifall fehlt, können wir hören, was in ihm steckte, bevor er starb. Viel Gutes steckt in ihm. Grundsätzliches. Menschliches. Bedürfnis nach Nähe und Gemeinschaft. Im Applaus transzendiert sich das Subjekt und sein Schicksal. Selbst wenn es auf dieser Leiter nicht in den Himmel findet, übersteigt es doch mitunter den Alltag und fühlt, worauf es ankommt.

Im Applaus stecken Empathie und Zärtlichkeit

Im Applaus aber ist auch der Abgrund zuhause. Wie fühlt sich die Sängerin, wenn die letzte Hand verstummt? Ist der Applaus das Narkotikum der Besserverdienenden? Wenn wir jetzt all den erschöpften Pflegerinnen und Pflegern, den Ärztinnen und Ärzten, den Kassiererinnen und Kassierern applaudieren und uns gut dabei fühlen, wie müssten wir uns eigentlich rückblickend fühlen?

Vielleicht, aber auch nur vielleicht kündigt sich eine Umcodierung der Applauskultur an.

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Vergessen wir nicht: Im Applaus stecken Empathie und Zärtlichkeit, im Applaus besinnt sich der Mensch auf die Humanität. Der Applaus ist aber auch der Henker, der unter alles einen brutalen Schlussstrich zieht. Versuchen wir doch, an den oder die anderen zu denken, wenn wir demnächst wieder applaudieren. Dann könnte dieser Klang zum Seelennotrettungskreuzer werden und zum Einspruch gegen ein System, das den Applaus bislang ungerecht verteilt.

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