Stille Zeit (3) : Der Duft der Obstschale

Die Feiertage zwischen den Jahren mögen von Festen und Turbulenzen heimgesucht werden, man nennt sie trotzdem die stille Zeit. Bis Silvester erkunden wir Phänomene der Stille. Diesmal in der Kunst.

Stilleben mit Zinnkanne und Stangenglas in einer Mauernische von Jan Jansz. van Uyl d. Ä., zu sehen in der Berliner Gemäldegalerie.
Stilleben mit Zinnkanne und Stangenglas in einer Mauernische von Jan Jansz. van Uyl d. Ä., zu sehen in der Berliner...Foto: bpk / Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin, Volker-H. Schneider

Die gar nicht mehr so neue Neue Rechtschreibung hat ein für allemal klargestellt: Das Stillleben heißt so, weil es auf den Bildern dieser Gattung ausgesprochen ruhig zugeht – und nicht weil der Künstler stilvoll malte. Das Leben steht darin wortwörtlich still. Die bis 2007 währende sprachliche Irritation mag im ursprünglich holländischen Begriff „stil leven“ ihre Ursache haben. Im Niederländischen bedeutet „stil“ unbewegt. Die Bezeichnung kam erst um 1650 auf, als die Niederländer längst als Meister dieses Fachs galten. Ein knappes halbes Jahrhundert zuvor hatte sich das Stillleben bereits als eigene Gattung herausgebildet, seine Blütezeit sollte bis in die 1770er Jahre dauern.

Bevor das Stillleben seinen Gattungsnamen erhielt, bezeichneten die Gemäldetitel schlicht das Abgebildete. Das ist noch immer so. Nur lauten die Titel jetzt „Stillleben mit Römer, Steinschale, Porzellandose, Zinnkanne, Glaspokal...“, was immer darauf zu sehen ist. So ist von vorneherein klar: Stillleben sind eine sehr reelle Angelegenheit. What you read is what you get. Aber natürlich ist die Sache komplexer. Mit jedem Gegenstand, mit jeder Bezüglichkeit der Objekte untereinander kommt eine andere Bedeutungsebene hinzu. Die Taschenuhr, das Stundenglas symbolisieren die verstreichende Zeit, den nahenden Tod. Die Zerbrechlichkeit des Glases, die Flüchtigkeit der Lichtreflexe auf dem edlen Metall verweisen auf die Vergänglichkeit von Prunk und allem Irdischen.

Spiel mit Gegensätzen

In der Berliner Gemäldegalerie finden sich die herrlichsten Stillleben, ein Augenschmaus neben dem anderen. Da werden Zitrusfrüchte dargereicht, Schinken, Austern, Fischrogen, Nüsse – und ist das eine Olive? Auf Pieter Claesz’ „Stillleben mit Römer und Silberschale“ prangt die Steinfrucht mitten auf einem Zinnteller, indirekt beleuchtet durch den hellen Glanz der Unterseite einer Silberschale, deren Fuß auf dem Teller ruht. Die Gegenstände mögen kreuz und quer liegen, doch sind sie bedachtsam arrangiert. Oft fügen sie sich zu einer Pyramide, sodass, was fragil und flüchtig wirkt, einen kompakten geschlossenen Aufbau erhält.

Mit solchen Gegensätzen spielt das Stillleben permanent. Von wegen still. Im nächsten Moment könnte die Hand eines Trinkers ins Bild kommen und nach dem halb gefüllten Weinglas greifen. Oder die vorwitzigen Fingerchen eines Kindes könnten am lässig zusammengeschobenen leinenen Tischtuch zupfen und alles zum Einsturz bringen. Schon meint man Schritte zu hören, die Alltagsgeräusche eines niederländischen Haushalts dringen ans Ohr. Der Duft der ätherischen Öle, die aus den spiralig geschälten Zitronen dringen, kitzelt einem schon die ganze Zeit in der Nase. Zwar wirken die Arrangements wie aus der Zeit gefallen, doch berühren sie durch ihre haptische Unmittelbarkeit und sinnliche Nähe noch über 400 Jahre später.

Nichts an Popularität eingebüßt

In der Gemäldegalerie wird diese Widersprüchlichkeit noch einmal durch die Hängung betont. Claesz’ Gemälde befindet sich zwischen Frans Hals’ temperamentvoller „Malle Babbe“ und dem „Singenden Knaben mit Flöte“. Peter Potters Vanitas-Stillleben mit Totenschädel und Stundenglas hat seinen Platz zwischen einem Interieur mit fröhlicher Tischgesellschaft und der Darstellung von Fastnachtsnarren. Auch wenn wir heute womöglich nicht mehr alle Bedeutungsebenen der Stillleben erfassen, haben sie doch nichts an Popularität eingebüßt. Als Betrachter fehlt uns die Kombinatorik, die zum großen Erfolg der Gattung im 17. Jahrhundert beitrug. Aber wir erfreuen uns an der Malerei – Stil hin oder her.

Bisher erschienen: die „Stille Nacht“ und die Stille des Schnees (24.12.), die Stille in der Poesie (27.12.)

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