„Stirb doch, Liebling“ von Ariana Harwicz : Ein Fall für die Klinik

Eine falsche Frau vom Lande: Ariana Harwicz' wunderbarer magisch-realistischer Roman „Stirb doch, Liebling“.

Anja Kümmel
Ariana Harwicz, 1977 in Buenos Aires geboren
Ariana Harwicz, 1977 in Buenos Aires geborenFoto: Verlag

Im Original klingt der makabre Titel „Stirb doch, Liebling“ (Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz. C.H. Beck, München 2019. 126 S., 18,95 €.).sogar noch eine Spur brutaler: „Matate, amor" bedeutet so viel wie „Bring dich (doch) um, Liebling". Die leicht entschärfte Übersetzung scheint dagegen auf ein schicksalhaftes Ableben des Ehemanns zu hoffen. Tatsächlich wird der ungeliebte „Liebling“ in Ariana Harwicz‘ fulminant-verstörendem Debütroman vom Pech verfolgt: Erst läuft ihm ein ausgewachsener Hirsch vors Auto, dann erleidet er bei einem nachmittäglichen Kinderfest einen Herzanfall. Vielleicht sind dies aber auch bloß Wahn- oder Wunschvorstellungen der Ich-Erzählerin, die ihrer Kleinfamilienhölle für Momente zu entkommen versucht. Realität und Fantasie liegen bei Harwicz oft nicht mehr als einen Wimpernschlag auseinander: In einer Szene rennt die Protagonistin durch eine Glastür - der folgende Krankenhausaufenthalt bestätigt es - doch sobald sie den Wald betritt, eröffnet sich ihr ein surreales, fast magisches Reich: „Auf dem Weg rannte ich gegen Kaninchen und Eulen, oder sie rannten gegen mich.“ Allerlei Getier feiert in dieser symbolisch aufgeladenen Wildnis enthemmte Orgien, ihr kaum einjähriges Baby kann plötzlich auf Bäume klettern, und „das goldene Auge des Hirsches“, der jeden Abend zu einer bestimmten Zeit erscheint, wird ihr zum heimlichen Komplizen mit quasi göttlicher Schutzfunktion.

In der französischen Provinz soll der Roman spielen, verrät der Klappentext. Doch lassen die Naturbeschreibungen immer wieder auch an Argentiniens üppige Flora und Fauna denken. Wenig verwunderlich: Harwicz wurde 1977 in Buenos Aires geboren und lebt erst seit einigen Jahren in Frankreich.

Harwicz schreibt in einem düster-poetischen Stil

Immer wieder löst sich das Raum-Zeit-Kontinuum auf in (alp)traumhaften Passagen, in denen sich Gewaltfantasien, Nostalgie und unausgelebte Begierden bis zur Unkenntlichkeit ineinander verkeilen. Als Fremde in einer eingeschworenen, wenn auch zerrütteten Dorfgemeinschaft sieht sich die namenlose Hauptfigur von außen und innen zugleich, als „falsche Frau vom Lande mit einem roten, gepunkteten Rock und gespleißtem Haar“, die ihrem Sohn Kerzen auf die Geburtstagstorte steckt und dabei von einem Messer in ihrer Hand träumt. Jeder zweite Satz suggeriert einen Kippmoment ins Horror-Genre – tatsächlich jedoch fließt im gesamten Text kaum mehr Blut als das aus den Schnittwunden der Ich-Erzählerin. Der Hass der jungen Mutter, begreift man allmählich, richtet sich weniger gegen ihr Kind als gegen die so einfältige wie abgründige Umgebung, in der sie es aufwachsen sieht: Den Schwiegervater, der an Weihnachten die Supermarktbelege mit dem Taschenrechner überprüft und nachts ein Gewehr unter dem Kopfkissen versteckt, die Schwiegermutter, die der schwangeren Ich-Erzählerin Prozac anbietet, die Nachbarin, die ihr Geld mit Webcamming verdient.

Ihr Roman wurde 2018 für den Man Booker Prize nominiert

Harwicz‘ düster-poetischer Stil beschwört Sylvia Plath oder Clarice Lispector herauf, die Erzählfigur Virginia Woolfs Mrs. Dalloway oder Zelda Fitzgerald, "auf dem Weg in die Schweiz, nicht gerade um Schokolade zu essen oder Uhren anzuprobieren". Doch verweisen derartig sarkastische Spitzen zugleich auf eine durchaus auf Außenwirkung bedachte Gesellschaftskritik, die weit hinausgeht über ein Marinieren des eigenen Leids. Harwicz‘ Ich-Erzählerin wechselt die Register von Hysterie zur luziden Beobachtung allzu gekonnt, um sich bruchlos einzureihen in eine Genealogie unterdrückter Ehefrauen. Wenn sie sich als „klinischen Fall“ bezeichnet, als „neurotisch, verhext“, wirkt das eher trotzig, ja beinahe kokett – als wolle sie mit dieser Selbstbezeichnung den mitleidigen Blicken, dem Dorfklatsch, den „Binsenweisheiten“ des Paartherapeuten im Rundumschlag den Wind aus den Segeln nehmen.

Erst durch die letztjährige Nominierung für den Man Booker Preis fand das außergewöhnliche Romandebüt internationale Beachtung und ist – mit sieben Jahren Verspätung – nun auch auf Deutsch zu lesen. Bleibt zu hoffen, dass wir auf die im Original bereits erschienenen Folgebände der bitterbösen Dorftrilogie nicht ganz so lange warten müssen.

Der neue Morgenlage-Newsletter: Jetzt gratis anmelden!