Streit um Staatssymbole : Alternativen für Deutschland

Derzeit wird heftig über Fahnen und Hymnen gestritten. Sind die deutschen Staatssymbole noch zeitgemäß? Eine kleine Stilkritik.

Deutschland, deine Symbole. Die Flagge, der Adler und die deutsche Nationalmannschaft beim Hymne-Singen.
Deutschland, deine Symbole. Die Flagge, der Adler und die deutsche Nationalmannschaft beim Hymne-Singen.Fotos: Ina Fassbender/dpa, istockphoto/Getty Images, wikipedia, Montage: TSP/Miethke

Am Donnerstag wird das Grundgesetz siebzig Jahre alt, und die Zeiten, in denen nationale Symbole in der Bundesrepublik mit skeptischer Distanz betrachtet wurden, sind eindeutig vorbei. Beim Eurovision Song Contest in Israel und bei der Eishockey-WM in Finnland schwenken Menschen schwarz-rot- gelbe Flaggen. Die Nationalspieler tragen dort einen Bundesadler in Übergröße auf ihren Trikots.

Heftiger noch der Fahnen-Hype, der sich in der Woche der Wahl zum EU-Parlament um die Europaflagge entwickelt hat. Prominente wie der Fotograf Juergen Teller, die Kolumnistin Sophie Passmann und sogar der US-Rapper Jay Z haben sich in Pullis mit dem Sternenkranz-Zeichen der EU fotografieren lassen.

Wie ernst staatliche Symbole wieder genommen werden, bekam Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow zu spüren, als er kürzlich vorgeschlagen hatte, die Nationalhymne zu ersetzen. Sogar Angela Merkel mischte sich in die allgemeine Empörung über Bodo Ramelows Vorschlag ein: Sie finde die dritte Strophe des Deutschlandlieds „sehr schön“. Damit wirft sie einen neuen Blick auf Staatssymbole: Schönheit war da bislang keine Kategorie. Was ist, ästhetisch gesehen, von den Symbolen der Bundesrepublik zu halten?

DER BUNDESADLER

Mindestanforderung an das deutsche Wappentier: Es sollte im Land vorkommen. Trotz weltweitem Artensterben ist das beim Adler der Fall, versichert Hans-Joachim Pflüger, emeritierter Professor für Zoologie an der FU mit dem Spezialgebiet Vögel. Gerade ist er vom Wochenendausflug zurückgekehrt, bei dem er zehn Seeadler gesehen hat. Riesige Tiere von zweieinhalb Metern Flügelspannweite. Die Art habe sich in den letzten Jahren sogar von den östlichen Bundesländern, die aufgrund der spärlichen Besiedlung bevorzugte Reviere sind, nach Westen ausgebreitet. Und der in den Alpen heimische Steinadler sei neuerdings auch im Schwarzwald zu finden.

Vom Motiv her ist das deutsche Wappen, obwohl eines der ältesten der Welt, also immer noch aktuell.

Nun gelte der Adler aber, so räumt auch Pflüger ein, gemeinhin nicht als nettes Tier. Diese Zuschreibung unterstrich der Grafiker Karl-Tobias Schwab in seiner Interpretation des Reichsadlers von 1926, welche die Bundesrepublik 1950 zu ihrem Hoheitszeichen machte. Schwab schuf ein Symbol von hoher piktografischer Qualität. Doch bei näherem Hinsehen wirkt sein Adler mit dem geöffneten Schnabel und der heraushängenden Zunge grimmig und fast ein bisschen dümmlich. Breitbeinig steht er da auf den Spitzen seiner übergroß darstellten Klauen. Seine Schwingen hat er so weit gespreizt, dass sich die Flügelgelenke nach oben wölben, als wären es Fäuste. Das deutsche Wappentier gibt sich wie ein Boxer, der beide Bizepse zeigt.

Ameise statt Adler?

Die kraftmeierische Pose passt zur Geschichte des Adlersymbols. Höchstes Feldzeichen der römischen Legionen, wurde es von Karl dem Großen als Emblem für seine „universale kaiserliche Befehlsgewalt“ übernommen. Nur zum modernen Deutschland passt die militärische Konnotation nicht mehr. Das lauernde Kreisen des Adlers Hunderte Meter über den anderen widerspricht dem heutigen Verständnis von internationalen Beziehungen auf Augenhöhe.

Im größten Kontrast zum Adler steht das Olympia-Maskottchen von 1972: der in bunten Siebziger-Jahre-Farben gestreifte Dackel Waldi, gestaltet von Otl Aicher. Ein lustiges, unwürdiges Symbol, das augenfällig machte, dass die Bundesrepublik in der westlichen Welt angekommen war.

Fast fünfzig Jahre ist das jetzt her. Welches Tier könnte für die heutige Zeit stehen? Am ehesten verkörpert vielleicht die Ameise Deutschland im 21. Jahrhundert. Ameisen zeichnen sich dadurch aus, dass sie gut organisierte Staaten bilden können. Außerdem leben sie am liebsten im Wald, dem urdeutschen Lebensraum, und sie räumen den Wald sogar auf. Und anders als beim Adler wäre Deutschland das einzige Land mit diesem Wappentier.

DIE DEUTSCHLANDFAHNE

Viele Deutsche haben ein kritisches Verhältnis zu ihrer Flagge. Das ist verständlich: Bangladesch, Marokko, Japan – eigentlich alle Länder haben schönere Fahnen. Bis auf Belgien, das ja dieselben Flaggenfarben hat, die so schlecht miteinander harmonieren.

Gelb, das weiß man aus der Mode, lässt den, der es trägt, in der Regel hässlicher aussehen, als er ist. Die Kombination von Gelb und Schwarz, das weiß man aus der Natur, suggeriert Giftigkeit. Bienen sind so eingefärbt, um Fressfeinde abzuschrecken. Wäre bei der Gestaltung der Flagge als dritte Farbe Violett hinzukombiniert worden, die Komplementärfarbe von Gelb, hätte das Ganze apart ausgesehen. Dem Maler Marc Chagall zufolge passen Farben gut zueinander, die im Farbkreis nebeneinander oder gegenüber voneinander liegen. Für RAL3020-Verkehrsrot, das seit dem Beschluss zum „Corporate Design der Bundesregierung“ vom 2. Juni 1999 als dritte Flaggenfarbe vorgeschrieben ist, gilt beides nicht.

Historisch ist an der deutschen Fahne dagegen nichts auszusetzen. Erstmals war sie in ihrer heutigen Ausgestaltung 1832 beim Hambacher Fest zu sehen, zu dem 30 000 Menschen kamen, die zwar für eine nationale Einheit eintraten, aber unter demokratischen Vorzeichen. Zu den Nationalfarben wurde Schwarz-Rot- Gold 1919 mit einem Mehrheitsbeschluss in der Nationalversammlung von Weimar gewählt. In den 1920er Jahren wurde die Fahne von Monarchisten bekämpft und von den Nazis schließlich abgeschafft. Nach dem Krieg setzten sich die Sozialdemokraten für sie ein. Die CDU/CSU bevorzugte damals die sogenannte Kreuzflagge, ähnlich wie sie der Widerstandskämpfer Wirmer entworfen hatte, damit sie nach dem Attentat auf Hitler zur deutschen Fahne würde. Sie ähnelt der Reichkriegsflagge, denn sie sollte auch der Wehrmacht gefallen.

Ein neues Zugehörigkeitsgefühl?

Aufgrund ihrer urdemokratischen Geschichte hielt Brandenburgs ehemaliger Generalstaatsanwalt Erardo Rautenberg, ein unermüdlicher Kämpfer gegen rechte Gewalt, der vergangenes Jahr verstorben ist, die Deutschlandfahne für eine wirksame Waffe gegen Nationalismus. Ihr Aussehensproblem, glaubte Rautenberg, sei einfach zu lösen, indem man das Gelb durch das ursprünglich verwendete Gold ersetzt. Wie zum Beweis ließ er auf eigene Kosten eine solche Flagge anfertigen und in seiner Dienststelle aufhängen. Tatsächlich harmoniert der Farbdreiklang viel besser. Doch das Bundeskriminalamt blockte die Rückkehr zur historischen Farbgebung ab: Die Lurexfäden seien nicht haltbar genug.

In den vergangenen Monaten ist es trotzdem zum Großeinsatz eines Fahnenmotivs im Kampf gegen Populisten gekommen, wie es Rautenberg vorschwebte. Nur ist es die Europaflagge, meist in Form von mit Sternenkranz bedruckten Sweatshirts. Kommt hier ein neues Zugehörigkeitgefühl zum Ausdruck? Oder passen die zwölf gelben Sterne auf blauem Grund einfach nur ästhetisch besser in den popkulturell geprägten Alltag der Europäer als das feierliche Schwarz-Rot-Gold? Designer wie beispielsweise „European by Choice“ aus Belgien vertreiben ganze EU-Kollektionen – vom Basecap bis zum Hemd. Dabei ist es nicht immer billig, Proeuropäer zu sein. Der Regenparka des Pariser Labels „Etudes Studio“ mit Sternenkranz-Logo kostet 312 Euro. Beim beliebtesten Pulli-Modell fehlt ein Stern – Symbol für die abtrünnigen Briten. Seit zwei Jahren wird es unter dem Namen „EUnify“ über die Berliner Galerie König vertrieben. Genäht wird es übrigens in – Asien.

DAS LIED DER DEUTSCHEN

Es gab einmal, noch gar nicht lange her, eine Zeit, in der deutsche Fußballnationalspieler vor einem Spiel lieber Kaugummi gekaut haben, als das „Lied der Deutschen“ mitzusingen. Im feierlichen Moment, wenn die halbe Nation sich vor dem Fernseher versammelte und auf sie blickte, verweigerten Stars wie Franz Beckenbauer, Horst Hrubesch, Paul Breitner oder Karl-Heinz Rummenigge das Pathos. In ihren Gesichtern war Konzentration zu erkennen, aber keine Spur von patriotischer Ergriffenheit.

Welt- oder Europameister wurden sie dann trotzdem, zumindest schafften sie es eigentlich immer bis ins Halbfinale. Lothar Matthäus, Weltmeister von 1990, sang zwar mit, entschied sich aber für einen anderen Refrain: „Einigkeit und recht viel Freizeit“.

Gemeckert hat deshalb niemand. Kaugummikauen galt als lässig, die Spieler gingen unverkrampft und kreativ mit einem musikalischen Staatssymbol um, in dem sich die Gebrochenheit der deutschen Geschichte spiegelt. Mit der Lockerheit ist es seit 2006 vorbei. Damals feierten sich die Deutschen im „Sommermärchen“, der WM im eigenen Land, als Gemeinschaft, die endlich so geworden war, wie es Hoffmann von Fallersleben 170 Jahre vorher in der dritten Strophe seines Lobgesangs prophezeit hatte: einig, rechtschaffen, frei und – ja, das auch – glücklich.

Auf Party-Nationalismus folgte der Rechtsruck

Allerorts wurden schwarz-rot-goldene Fahnen geschwenkt, schwarz-rot-goldene Streifen prangten auf Getränkeflaschen und Feuerzeugen, Autohecks und Gesichtern. Es war ein bunter, fröhlicher Karneval, ein Rausch, der nicht einmal endete, als die deutsche Mannschaft den Einzug ins Finale von Berlin verpasste. Siegen war zweitrangig, das Land hatte der Welt bewiesen, dass die Zeiten des „Deutschland, Deutschland über alles“ vorbei waren.

Märchen handeln von Wundern, mit der Wirklichkeit haben sie nicht viel zu tun. Auf den Party-Nationalismus von 2006, der als Ausdruck eines neuen, „normalen“ Patriotismus interpretiert wurde, folgte eine andere, gespensterhaft an die Vergangenheit erinnernde Normalität. Rechtspopulisten bekamen Zulauf, die Deutschlandflagge flatterte nun auch über den Pegida-Demonstranten, die Abgrenzung nach außen und innen verschärfte sich.

Als die Fußballnationalmannschaft 2018 bei der WM in Russland desaströs in der Vorrunde scheiterte, konzentrierte sich die Kritik auf Mesut Özil. Er hatte zwar nicht schlechter gespielt als seine Mannschaftskollegen, wirkte nun aber plötzlich weniger deutsch. Ihm wurde nicht bloß vorgeworfen, dass er sich mit Recep Tayyip Erdogan hatte fotografieren lassen, sondern auch, dass er bei der Hymne nicht mitsang.

Deutschland wird mit dieser Hymne weiter leben müssen

„Das Lied der Deutschen“ ist eine schwierige Hymne. Hoffmann von Fallersleben war ein Franzosenhasser und Antisemit. Die Musik stammt von Haydn, er schrieb sie für Franz II., den letzten Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Mit allen drei Strophen wurde dass Stück zur Hymne der Weimarer Republik, die Nationalsozialisten übernahmen es und sangen danach das Horst-Wessel-Lied.

Viel Geschichte für einen Song, der mit 36 Wörtern auskommt. Ihn abzuschaffen und durch ein zeitgemäßeres Lied zu ersetzen, ist oft gefordert worden, zuletzt von Bodo Ramelow. Aber was wäre besser: Brechts scheppernde „Kinderhymne“, „Deutschland“ von Rammstein, „Ein bisschen Spaß muss sein“ von Roberto Blanco, wie Harald Martenstein vorschlägt?

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Nein, Deutschland wird mit dieser romantisch schwelgenden Melodie und den altväterlichen, inzwischen ziemlich fremd klingenden Versen weiter leben müssen. Das „Lied der Deutschen“ ist genau die Hymne, die zu uns passt. Niemand muss aufstehen und mitsingen. Das ist das Gute an der Demokratie: Es gibt keine Patriotismus-Pflicht.

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