Stück über bipolare Störung : Eine Klasse für sich

Unser Lehrer ist manisch-depressiv: Thomas Melles Schuldrama „Versetzung“ am Deutschen Theater.

Ausharrer. Daniel Hoevels als Lehrer Ronald Rupp.
Ausharrer. Daniel Hoevels als Lehrer Ronald Rupp.Foto: Marcus Lieberenz/Bildbuehne.de

Wie sich eine bipolare Störung anfühlt? Mal himmelhochjauchzend, mal zu Tode betrübt, wie man's eben kennt aus der gemütsschweren Lyrik oder der Stimmungs-Achterbahn des eigenen Alltags? Nein, sagt Ronald. Es ist extremer. „Man fühlt sich wie in einem riesigen Drama. Alles meint und betrifft einen selbst. Man wird von jedem Wort, jeder Regung verfolgt. Fühlt sich wie Nazi und Jude in einem“. Holla. Der Vergleich erscheint nun doch etwas, nun ja, unpassend. Aber genau da liegt das Problem. Wie kann man von einem psychisch Kranken erwarten, dass er einem seine Entgrenzung auf ganz gesunde Weise schildert, ohne Ausfälle bitteschön?

Die Hölle, homöopathisch

Im Stück „Versetzung“ des Schriftstellers und Dramatikers Thomas Melle ist es der Lehrer Ronald Rupp, der in Erklärungsnot gerät und seinem schulischen Umfeld die homöopathische Version der Hölle verabreichen soll. Der Pädagoge, den Daniel Hoevels als ehrlich engagierten Humanisten im Rollkragenpullover gibt, setzt eingangs seiner Klasse in gestochenen Worten den Irrsinn des Schmähworts „Opfer“ auseinander: „Es liegt dem ein Denken zugrunde, das die allgemeine Unterdrückung nicht nur annimmt, sondern sogar feiert“. Nicht lange, und Ronald findet sich selbst als Opfer wieder.

Er ist manisch-depressiv, hat seine Erkrankung bei der amtsärztlichen Untersuchung zu Schuldienstbeginn allerdings verschwiegen. Ihm geht's ja auch gut. Seit zehn Jahren hatte er keinen Schub mehr. Dann allerdings bringt eine Verkettung von Veränderungen ihn aus dem Gleichgewicht. Direktor Schütz – den Helmut Mooshammer mit einer resignativen Würde ausstattet – will Rupp zum Nachfolger ernennen. Seine Frau Kathleen, von Anja Schneider als ungreifbar flirrende Glücksjägerin gespielt, verkündet ihm eine unerwartete Schwangerschaft. Und in der Schule rücken ihm die Eltern seiner Schüler Sarah (Linn Reusse) und Leon (Caner Sunar) unangenehm zu Leibe. Bald zeigen sich auch wieder Symptome der Krankheit. Wie das Gefühl, dass in Reimen über ihn gesprochen wird: „Da rast er. Da grast er. Der Master of Disaster“. Eine Axt fährt dem Mann in die Wahrnehmung und kappt die Sinnzusammenhänge.

Sinnlosigkeit als Spielplatz

Thomas Melle hat seine eigene manisch-depressive Erkrankung zuletzt im Roman „Die Welt im Rücken“ zum Protagonisten gemacht. Er schildert sie auch, literaturtheoretisch aufgeladen, in der bestürmenden sprachmächtigen Erzählung „Dinosaurier in Ägypten“ aus seinem Band „Raumforderung“. Die neuerliche Konfrontation mit dem Thema verweist nun aber keineswegs darauf, dass hier einer auf Krankenschein literarische Karriere machen wollte. Melle beschreibt die Störung eben nie als private Leidensgeschichte, sondern befragt das System, in dem sie sich ereignet. In letzter Instanz ein Universum der gnadenlosen Zufälligkeiten, in dem „nichts sein muss, wie es ist“. So sagt es der Naturwissenschaftler Falckenstein (Christoph Franken) im Stück und folgert: „Hat man das erst mal geschluckt, ist die Sinnlosigkeit ein Spielplatz“.

In einem solchen Kosmos existiert auch keine Logik von Gesundheit und Krankheit. „Es ist eine Gleichzeitigkeit der Ungleichzeiten", formuliert entsprechend die Lehrerin Römmelt, die Judith Hofmann als verknöcherte Philosophin sicher an der Karikatur vorbeibalanciert. Aber woran sich festhalten, wo es weder Chronologie noch Ordnung gibt? An den Gesetzen der Mathematik vielleicht?

Ein Affe im Himmel

Regisseurin Brit Bartkowiak lässt dazu ironisch funkelnd auf einer Videotafel im Hintergrund die Numerologie aus dem Pixies-Song „Monkey Gone to Heaven“ aufleuchten: „If Man is Five then the Devil is Six“. Und Gott ist sieben. Nur nützen diese Zahlen Ronald Rupp nichts auf seiner Via Dolorosa.

„Wir sind Kippfiguren“, erklärt der Lehrer einmal. Auch die Bühne von Johanna Pfau ist eine Kippfläche, eine mit blauem Teppich ausgekleidete Weltscheibe mit Aquarium, die am Ende zur Rutschbahn hochfährt. Ein schlüssiges Bild. Überhaupt: Eine schlüssige, stringente Inszenierung von Brit Bartkowiak, die Melles immer wieder theoretisch überschießender Figuren-Rede einen glasklaren Ton verpasst.

Was ist Wahrheit, was ist Lüge? Was ist gesund, was ist krank? Was Realität, was Illusion? An diesen Fragen entlang bewegen sich Stück und Regie. Der Schauplatz Schule als Ort, wo Werte vermittelt und Menschen zum Funktionieren geformt werden sollen, ergibt dabei absolut Sinn. Hier hat Michael Goldberg einen tollen Auftritt als irrlichternder Impfgegner und machtbewusster Vater des Problemschülers Leon. Hier schneit Birgt Unterweger als befremdend distanzlose Mutter und möglicherweise ehemalige Affäre von Ronald Rupp herein.

Überleben als Happy End

Wie sich dem die Welt auflöst, das erzählt Melle mit beklemmender Unaufhaltsamkeit und einem ganz eigenen, von schmerzhafter Erfahrung befeuerten Humor. Daniel Hoevels hat als Rupp furiose Szenen. Etwa, wenn er sich in einen hyperventilierenden Vortrag über Shakespeares Sonette schraubt. Oder wenn er sich schlussendlich im Reime-Duell mit einem tragischen Paranoia-Chor wiederfindet. „Drückt da etwa schon die Zyste Hölderlins?“, fragte Melle mal an anderer Stelle. Vor solchem Hintergrund bedeutet das Überleben schon ein Happy End.

Wieder am 23. und 25. November sowie im Dezember.

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