Sie war eine getreue Anhängerin der Ernsthaftigkeit

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Susan Sontag revisited : Die Erotikerin des Schwierigen
Steve Wasserman
Kritikerin, Kämpferin, Bürgerin. Die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag (16.1.1933 – 28.12.2004).
Kritikerin, Kämpferin, Bürgerin. Die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag (16.1.1933 – 28.12.2004).Foto: Ullstein Bild/Anita Schiffer-Fuchs

Susan war eine getreue Anhängerin der Ernsthaftigkeit. Sie hielt es für die Pflicht von Kulturkritik, ihr Gewicht darauf zu verwenden, worauf es ankommt. Sie glaubte nicht, dass der erste Gedanke, den man hat, gleich der beste sei. Sie wusste, dass das, was mit Kulturkritik auf dem Spiel steht, nichts weniger als das Bild ist, das eine Gesellschaft von sich selbst hat. Und sie wusste, dass keine der aufregenden digitalen Neuerungen uns von der Notwendigkeit jener Strenge enthebt, die solch eine Abrechnung mit sich selbst ermöglicht. Man braucht Zeit, um schwierige Fragen zu durchdenken. Geduld ist eine Voraussetzung für wahre Erkenntnis. Der denkende Geist sollte nicht zur Eile gezwungen werden. Heute befindet sich dieses Ideal unter Beschuss.

Susan glaubte nicht, dass die Freuden kritischen Denkens nur einer Elite vorbehalten sein sollten. Aber sie wusste, dass wir in einer Zeit leben, die dieses Vergnügen nicht fördert: „Wir leben in einer Kultur, in der auf der Suche nach einer radikalen Unschuld der Intelligenz jede Relevanz abgesprochen wird. Oder sie wird als Instrument von Autorität und Repression missbraucht. Meiner Ansicht nach ist nur einer Art der Intelligenz eine Verteidigung wert, die kritisch, dialektisch und skeptisch ist und Dinge nicht vereinfacht.“ Sie verfocht den Eros des Schwierigen.

Leider interessieren sich Susan Sontags Kritiker weniger für ihre Texte und Ideen als für ihr Privatleben oder das, was sie sich darunter vorstellen. Sie sind hypnotisiert vom Heiligenschein der Prominenz, der Sontag zu Lebzeiten umgab und noch immer scheint. Aber wenn in ihrer Arbeit irgendein bleibendes Verdienst liegt, dann ist dieser voyeuristische Fokus, gelinde gesagt, deplatziert. Ganz abgesehen davon, dass jene Kritiker den Ruhm, den sie kritisieren, zugleich zu ihren eigenen Zwecken nutzen.

In „Anmerkungen zu ‚Camp‘“ erklärte die „trunkene Ästhetin“ und die „besessene Moralistin“, wie sie sich selbst einmal beschrieb, dass „die beiden bahnbrechenden Kräfte des modernen Empfindens der moralische Ernst der Juden auf der einen, der Ästhetizismus und die Ironie der Homosexuellen auf der anderen Seite“ sind. Wenn wir uns darauf einigen können, dass Kategorien wie „der moralische Ernst der Juden“ und „der Ästhetizismus und die Ironie der Homosexuellen“ überhaupt existieren, könnte man behaupten, dass sie die Gegensätze einer Erörterung waren, die Susan ihr Leben lang auch mit sich selbst führte.

Sontags größtes Ziel war es, die „Unterscheidung von Gedanken und Gefühlen“ zu zerstören. Sie war in ihren Augen die „Grundlage aller antiintellektuellen Ansichten: das Herz und der Kopf, Denken und Fühlen, Fantasie und Urteil“. Für sie galt: „Das Denken ist eine Form des Fühlens; das Fühlen ist eine Form des Denkens.“ Ihr Stil diente diesem Ziel, und in Wahrheit war dieser Stil ihr Thema.

Die Art und Weise, wie sie denkt, wie sie einen Text angeht, wie sie ihren Lesern die Möglichkeit gibt, einem Geist heimlich dabei zuzuhören, wie er denkt, und zwar so unnachgiebig und behände wie möglich – das ist es, was ihre Arbeit so unwiderstehlich macht. Man könnte auch sagen, dass es nicht so sehr ihre Meinungen sind, die zählen – auch wenn diese natürlich zählen –, sondern die Art und Weise, wie sie zu ihnen kommt.

Steve Wasserman, Editor-at-large der Yale University Press, leitete von 1996 bis 2005 die „Los Angeles Times Book Review“. Zuvor war er Verleger und Programmleiter der Verlage Hill & Wang und The Noonday Press bei Farrar, Straus & Giroux. Sein von Daniel Schreiber übersetzter Essay ist die gekürzte Fassung eines Vortrags, den er am 29. Januar beim Symposion „Susan Sontag Revisited“ am Institute for Cultural Inquiry in Berlin hielt.

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