Sie sah die Gesichter ihrer Freunde, sah sie als ausgemergelte Leichname

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Syrienkrieg : Eine Geschichte aus Damaskus: Rauch über dem schwarzen Bildschirm
Salma Salem
Blick über die Stadt. Damaskus im April 2016.
Blick über die Stadt. Damaskus im April 2016.Foto: dpa/Youssef Badawi

Sie erinnerte sich daran, dass der Besitzer der Reinigung die Kleider, die sie ihm vor mehr als zwei Monaten geschickt hatte, noch nicht zurückgebracht hatte. Er hatte damals schon angekündigt, dass es eine Weile dauern würde. Man habe in ganz Damaskus das Wasser abgedreht, und das Wasser aus den Tanks sei nicht zum Wäschewaschen geeignet. Die Wasserhändler hatten die Gelegenheit beim Schopfe gepackt, den Leuten das gechlorte Wasser der Schwimmbäder als desinfiziertes Wasser für den Haushalt zu verkaufen. Dieses Wasser jedoch mache die Kleidung kaputt, hatte der Mann zu ihr gesagt und vorgeschlagen, die Kleider entweder wieder mit nach Hause zu nehmen oder so lange zu warten, bis die Kämpfe im Barada-Tal endeten und das Wasser nach Damaskus zurückkehren würde.

Im Dezember 2016 wird die Wasserversorgung der Stadt von Rebellen abgeschnitten. Medienberichten zufolge dauert der Wassernotstand sieben Tage lang an.
Im Dezember 2016 wird die Wasserversorgung der Stadt von Rebellen abgeschnitten. Medienberichten zufolge dauert der Wassernotstand...Foto: dpa

Seit sich die Situation im Barada-Tal vor einem Monat beruhigt hatte und seine Bewohner umgesiedelt worden waren, gab es wieder Wasser. Die Kleidung hatte sie schlicht vergessen, und so verstrich ein weiterer Monat, ohne dass ihr die Sachen geschickt wurden. Sie rief in der Reinigung an und als niemand abnahm, vergaß sie es erneut. Doch nun beschloss sie, selbst dorthin zu gehen.

Die Reinigung war geschlossen. Sie war geschockt, als sie hörte, dass ihr Besitzer verschwunden war. Keiner wusste, was mit ihm geschehen war. Sein alter Nachbar, der Gemüseverkäufer, blickte zum Himmel und bat sie, für ihn zu beten: Sie seien gekommen und hätten ihn einfach aus dem Geschäft gezerrt. Von einem Markt hörte man den Einschlag einer Granate, die Menschen rannten auseinander und riefen: „Es gibt keinen Gott außer Allah … Lieber Himmel … Sie hat drei Leute getötet!“ Schreie und Wehklagen erfüllten die Luft.

Sie eilte zurück nach Hause. An der Haustür traf sie ihre alte Nachbarin, die weinte. Sie hatte Mühe zu verstehen, was sie ihr unter Tränen erzählte: „Mein Enkel … Mein Enkel wurde zu Tode gefoltert. Sein Vater hat es soeben erfahren.“ Sie fragte die alte Nachbarin, wann ihr Enkel festgenommen worden sei, und die alte Frau antwortete mit schmerzerfüllter Stimme, man habe ihn vor einem Jahr am Kontrollpunkt in al-Qutaifa verhaftet, als er auf dem Weg zur Universität in Latakia war. Man habe ihnen gesagt, dass es sich um eine Verwechslung gehandelt hätte.

Für einen Augenblick fragt sie sich, ob sie selbst tot war

Grauer Nebel trübte ihren Blick. Sie sah nicht mehr, wo sie hintrat. Dieses Sterben überall, Tag für Tag, nahm ihr den Atem. Für einen Augenblick fragte sie sich sogar, ob sie vielleicht selbst tot war. Der Gedanke erschreckte sie. War es das Schicksal der Syrer, außerhalb des Grabes und in ihm Qualen zu erleiden? Sie sah die Gesichter ihrer Freunde, Arbeitskollegen und Bekannten vor sich, die in den dunklen Folterkellern verschwunden waren, sah sie als ausgemergelte Leichname, zu Tode gefoltert. Die Bilder ähnelten den Fotos der über 12000 zu Tode gefolterten Gefangenen, die der Militärfotograf mit dem Decknamen Caesar aus Syrien herausgeschmuggelt hatte. Sie schüttelte den Kopf, um diese schrecklichen Gedanken zu verscheuchen. Wie grausam Menschen sein konnten!

Menschen werden von den Regierungstruppen verhaftet und verschwinden. Diese fünf Männer sollen angeblich bewaffnet gewesen sein. Amnesty International spricht mittlerweile von über 13.000 Massenhinrichtungen in syrischen Gefängnissen.
Menschen werden von den Regierungstruppen verhaftet und verschwinden. Diese fünf Männer sollen angeblich bewaffnet gewesen sein....Foto: dpa

Sie berührte ihren Körper. War sie tot? Ein Flugzeug durchbrach die Schallmauer und ließ die Wände erzittern. Im Leben nach dem Tod gab es keine Flugzeuge vom Typ Suchoi. Es gab dort keinen Lebenden, der töten konnte. Doch hier und jetzt zu den Lebenden zu gehören bedeutete, dem Tode geweiht zu sein. In den sicheren Gebieten des Landes vertreiben wir uns die Zeit mit den Geschichten unserer Tragödie, trinken die Traurigkeit und werden betrunken davon. Wir sehen den Tod als eine Herausforderung an, aber in Wirklichkeit träumen wir von einem friedlichen Tod und einem Grab ohne Qualen inmitten eines Landes, das wir metaphorisch Heimat nennen.

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