Tagebuch von den Filmfestspielen Venedig (2) : Ein Fetzen Stoff

Zweiter Tag am Lido die Venezia: Warum ein Festival vielleicht doch keine Bubble ist und das Maskentragen einen auch adeln kann.

Matt Dillon gehört nicht zu den Masken-Muffeln. In Venedig steht sie ihm ausgesprochen gut.
Matt Dillon gehört nicht zu den Masken-Muffeln. In Venedig steht sie ihm ausgesprochen gut.Foto: imago/Alberto Terenghi

In die 28. Ausgabe des Dudens, die vor drei Wochen erschienen ist, haben es auch ein paar Wörter geschafft, die unsere neue Normalität treffend beschreiben. Neben Flugscham zählen jetzt auch Herdenimmunität und Lockdown zum deutschen Sprachschatz. Ein anderer Corona-Begriff, der seit einigen Monaten Konjunktur hat, aber vorerst nicht für duden-würdig befunden wurde, ist Bubble.

Die Bubble ist gewissermaßen die große Schwester der Quarantäne: Viele Menschen kommen für einen bestimmten Zeitraum an einem Ort zusammen, ohne Kontakt zur Außenwelt. In New York finden gerade die US Open im Tennis in einer solchen Blase statt.

Ein Filmfestival ist nicht unbedingt eine Blase, auch wenn dieses Jahr vor allem europäische Gäste über die Promenade flanieren. Aber ein Festival ohne Publikum? Corona prägt das Leben auf dem Lido; an allen Eingängen wird die Temperatur gemessen, auf dem Gelände und in den Kinos herrscht Maskenpflicht. Da kann einem hinter dem Fetzen Stoff schon mal kurz schummerig vor Augen werden – oder ist es doch nur der Arthouse-Geheimtipp aus Indien, der mit traumhaften Unschärfen arbeitet?

Wie schwer so eine Bubble aufrechtzuerhalten ist, erfuhr man gerade erst wieder, als bekannt wurde, dass Robert Pattinson positiv auf Covid-19 getestet wurde. Im Moment ruhen die Dreharbeiten zu „Batman“.

Man blickt in diesen Tagen ja leicht sehnsuchtsvoll Richtung Hollywood, das sich am Lido dieses Jahr rar macht. Immerhin ist Pattinson kein Maskenverweigerer – anders als Cristi Puiu. Puiu gewann mit "Malmkrog" gerade den Regiepreis der neuen Berlinale-Sektion Encounters und hätte eigentlich in der Venedig-Jury sitzen sollen. Da der rumänische Regisseur Maskentragen aber für den neuen Kommunismus hält, wurde er wieder ausgeladen und durch Matt Dillon ersetzt. Dem steht so eine Maske übrigens ausgezeichnet.

Ein Trance-Film aus Indien im Löwen-Wettbewerb

Ob die großen US-Filme in diesem Jahr fehlen, darüber scheiden sich die Geister. Filme wie „The Disciple“ von Chaitanya Tamhane dürften von der neuen Aufmerksamkeit profitieren.

"The Disciple" aus Indien erzählt eine Vater-Sohn-Geschichte.
"The Disciple" aus Indien erzählt eine Vater-Sohn-Geschichte.Foto: Filmfestival Venedig

Der indische Regisseur kehrt nach seinem Lido-Debüt „Court“ (2014) mit Vorschusslorbeeren zurück – und wie schon in dem Gerichtsdrama findet er einen faszinierenden Zugang zu einem geläufigen Sujet: Ein junger Musiker strebt nach künstlerischer Perfektion. Sharad möchte wie sein Vater ein bedeutender Raga-Sänger werden, eine Aufgabe, die lebenslange Hingabe erfordert, so erklärt es ihm sein Guru. Sharad aber hadert mit seinen Talenten, die Mutter würde es ohnehin vorziehen, dass er einen richtigen Beruf lernt.

Tamhane erzählt das innerliche Drama als Reise in die Philosophie der klassischen indischen Musik. „The Disciple“, produziert von Alfonso Cuarón, entwickelt eine ähnlich meditative Trance wie die Vokal-Drones der Raga-Harmonien. Die Besinnung aufs Wesentliche, die Guruji seinem Schützling verordnet, versetzt auch den Film in einen Schwebezustand: Sharad heizt auf dem Motorrad durch das nächtliche Mumbai. Für einen Moment scheint das Universum stillzustehen.

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