"Gerecht und fair" müsste für alle Geschädigten gelten

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Tagung zu NS-Raubkunst : Es bleibt viel zu tun bei der Restitution
Caspar David Friedrichs „Watzmann“ wurde restitutiert, bleibt aber nach Ankauf in der Alten Nationalgalerie.
Caspar David Friedrichs „Watzmann“ wurde restitutiert, bleibt aber nach Ankauf in der Alten Nationalgalerie.Foto: bpk / Nationalgalerie, SMB/DeKaBank

Was für eine Enttäuschung! Auch sonst blieb auf der Tagung der Bericht unkommentiert, sogar von Savoy selbst als Gastrednerin, obwohl „gerecht und fair“, die berühmteste Formulierung der Prinzipien, doch für alle Geschädigten gelten müsste. Aus Rücksicht gegenüber den Nachfahren der NS-Verfolgten im Saal blieb das Thema erstaunlich unberührt. Die aus dem Publikum geforderten „Washingtoner Prinzipien 2.0“ fanden keinen Widerhall auf dem Podium.

Ähnlich vehement machte die polnische Kunsthistorikerin Nawojka Cieslinska-Lobkowicz aus dem Saal heraus auf eine andere Leerstelle der Tagung aufmerksam: Was ist mit den osteuropäischen Ländern? In Polen, Russland, Ungarn zeigen die Museen ohne Gewissensbisse jüdischen Familien geraubte Kunst, teilweise sogar als von den Nationalsozialisten erbeutete Trophäen. Cieslinska-Lobkowicz bat eindringlich darum, nicht nur gen Westen zu schauen.

Und noch jemand fehlte auf dem Podium: ein Vertreter des Kunsthandels. Die von Kulturstaatsministerin Grütters und Stuart Eizenstat als Berater des US-Außenministeriums für Angelegenheiten der Zeit des Holocaust am Rande der Tagung unterzeichnete gemeinsame Erklärung fordert zwar ausdrücklich Auktionshäuser und private Kunsthändler auf, sich ebenfalls den Washingtoner Prinzipien zu unterwerfen und NS-Raubkunst als Ware abzulehnen, ihre Position in Sachen Restitution blieb jedoch merkwürdig unterbelichtet bei einem so großen Treffen aller Player.

Hermann Parzinger tastet sich vorsichtig heran

Mögen Christie’s und Sotheby’s auch mit gutem Beispiel vorangehen und leistet das Münchner Auktionshaus Neumeister eine vorbildliche Aufarbeitung seiner Geschichte während der NS-Zeit, so fehlte es doch an einem Ehrenkodex für den Handel, ähnlich wie er den Museen mit den „Principles“ auferlegt ist. Müssen also andere Gesetze her? Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, tastete sich vorsichtig heran. „Wir investieren Geld, um an Informationen zu kommen, die im Handel schon vorhanden sind,“ beschrieb er den Frust der Museen und forderte eine Öffnung der Archive. Unverändert wahren die Auktionshäuser Stillschweigen über Einlieferer und Käufer. Deutlicher wurde er für das Procedere bei Restitutionen. Bislang hat die Limbach-Kommission bei Streitigkeiten zwischen Museen und Anspruchstellern nur Empfehlungen ausgesprochen. Gerichte aber hätten einen anderen Status, ihr Wort sei verbindlich, so Parzinger. Über eine veränderte Gesetzgebung hätte nicht nur der einstige Gurlitt-Anwalt Hannes Hartung gerne mehr gehört. Er mahnte aus dem Publikum heraus die Aufhebung der Verjährungsfrist für Privatbesitzer an, die in Bayern vom Justizministerium zwar angeregt, vom Finanzministerium aber abgeschmettert worden sei. Restitution bleibt jenseits der öffentlichen Hand ein Akt des guten Willens, eine Frage der Moral. Oder eine „Black Box“, wie es Rüdiger Mahlo nannte.

Wie kompliziert die Gemengelage für die Erben ist, machte Tony Baumgartner, Vorstand des Spoliation Advisory Panel in Großbritannien deutlich, indem er auf die voneinander abweichenden Regelungen in den verschiedenen Ländern verwies. „Wir müssen das Verfahren auf europäischer Ebene vereinheitlichen“, schlug er vor, schließlich sei es reiner Zufall, wohin die geraubte Kunst gelangte. „International Advisory board“, „die „Unesco“ schallte es als Vorschlag aus dem Publikum zurück. „Hinter jedem entzogenen Kunstwerk steht das Schicksal der Opfer“, hatte Monika Grütters noch in ihrer Rede gesagt. Auch das zeigte die Konferenz: dass sich die Kämpfer für die Sache manchmal selbst daran erinnern müssen. Durch einen wie Edmund de Waal.

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