• „Tanz im August“ geht zu Ende: Wollschlüpfer, antarktische Expeditionen und ein tolles Konzert

„Tanz im August“ geht zu Ende : Wollschlüpfer, antarktische Expeditionen und ein tolles Konzert

Die 31. Ausgabe von „Tanz im August“ geht zu Ende – die Bilanz fällt mau aus. Ein später Höhepunkt war „Deepspace“ von James Batchelor.

Raumforscher. James Batchelor und Chloe Chignell in der St. Elisabeth-Kirche.
Raumforscher. James Batchelor und Chloe Chignell in der St. Elisabeth-Kirche.Foto: Dajana Lothert

Endspurt beim „Tanz im August“. In der dritten Festivalwoche machte den Zuschauern nicht nur die schwüle Hitze zu schaffen, sondern auch uninspirierte Aufführungen. Zu oft hatte man den Eindruck, dass die Performer im eigenen Saft schmoren. Die erfreuliche Ausnahme war der australische Choreograf James Batchelor. 2016 begleitete er eine zweimonatige Forschungsexpedition in die antarktische See. Seine Eindrücke hat er in „Deepspace“ verarbeitet; die Performance, die sich zwischen Tanz und Installation bewegt, wurde in der St. Elisabeth Kirche gezeigt. Anfangs hat man das Gefühl, auf einem schlingernden Schiff zu stehen. James Batchelor und Chloe Chignell gleichen hier Hochpräzisionsinstrumenten: Konzentriert vermessen sie den Raum mit ihren Körpern und zeigen ein Wechselspiel aus Nähe und Distanz. Zu den hypnotischen Klängen von Morgan Hickinbotham loten sie die physikalischen Kräfte aus und schwanken zwischen Stabilität und Instabilität. Wie sie mit geschärften Sinnen durchs Kirchenschiff navigieren, gleicht einem Trip ins Unbekannte. Eine meditative Performance, die hellwach macht.

Abtörnend war dagegen die Performance „Liebestod“ des Berliner Duos deufert & plischke. Die fünf Tänzer tragen über Netzstrumpfhosen geräumige Wollschlüpfer, die man früher als „Liebestöter“ bezeichnet hätte. Die scheußlichen Kostüme sind natürlich Konzept. Alles wirkt hier wie hingeschludert. Die Bewegungen wie auch die Texte, in denen die Tänzer von missglückten Liebesabenteuern berichten. Diese „Love Fuck-ups“ werden dann auch noch vertont. „Liebestod“ demonstriert: Man kann nicht nur an der Liebe leiden, sondern auch an schlechten Performances.

Um den kindlichen Wunsch, von allen geliebt zu werden, geht es in „Story, story, die“ von Alan Lucien Øyen. Der norwegische Choreograf umkreist in der neuen Produktion für seine Kompanie winter guests das Verhältnis von Liebe, Lügen und Selbstbetrug. Zander Constant ist der personifizierte Facebook- Like-Button. Er ruft den anderen ständig zu, dass er sie mag und kriegt dafür eins auf die Mütze. Wie Tanz, Text und kurze O-Töne aus Filmen kombiniert werden, ist nicht sehr überzeugend. Doch einigen der Tänzer sieht man gern zu, allen voran Cheng An Wu und Lee Yuan Tu.

Verschiedene Möglichkeiten der Gruppenbildung

Die Bilanz fällt in diesem Jahr eher mau aus. Die 31. Ausgabe von „Tanz im August“, die am Samstag zu Ende geht, hatte wenig Aufregendes zu bieten, dafür aber viel konzeptuelle Langeweile. Die Deborah Hay gewidmete „RE-Perspective“ nahm viel Raum ein. Besser wäre es gewesen, das Programm mehr auszubalancieren. Das Quartett „The Match“ markiert einen Wendepunkt in der Karriere der 78-Jährigen Amerikanerin. Nachdem sie lange nur mit Laien gearbeitet hatte, kreierte sie erstmals wieder ein Stück für erfahrene Tänzer. Das Cullberg Ballet hat das Stück adaptiert. Es zeigt auf exemplarische Weise Hays Ansatz: Die Tänzer werden aufgefordert, alle antrainierten Bewegungen, die sich einer Technik oder einem Stil zuordnen lassen, zu vermeiden. Das soll befreiend wirken, mutet heute aber eher verkopft an.

Ihre Performance „Ten“ von 1968 hat Hay mit zehn Berlinern Performern neu einstudiert. Sie basiert auf dem Kinderspiel „Follow the Leader“: Einer gibt eine Bewegung vor, einige aus der Gruppe machen sie nach. Und dann gibt es noch die, die von außen auf die Körper schauen und korrigieren. Vorgeführt wird ein permanentes Aushandeln. Die kommunikativen Handlungen der Tänzer spielen eine entscheidende Rolle, wenn hier verschiedene Möglichkeiten der Gruppenbildung durchgespielt werden. Die kaum überraschende Erkenntnis von „Ten“ war, dass Frauen besser zusammenarbeiten. Spielerisch wirkte das nicht, zudem war das Konzept bald ausgereizt. Die Berliner Band Die Türen aber hielt die Zuschauer bei der Stange: Die famosen Vier spielten ein tolles Konzert.

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