Teresa Burgas Ausstellung „Insomnia“ : Radikal im Rahmen

Sie zählt zu den bedeutendsten lateinamerikanischen Künstlerinnen: Teresa Burgas Ausstellung „Insomnia“ in der Galerie Barbara Thumm.

Dorothea Zwirner
Zeichnungen wie „Insomnia Drawing (17)“ dienen Teresa Burga als Vorlage für ihre Wandarbeiten.
Zeichnungen wie „Insomnia Drawing (17)“ dienen Teresa Burga als Vorlage für ihre Wandarbeiten.Foto: Galerie Thumm

Aus Hunderten von Kästchen sind die Zeichnungen gebildet, die sich wie Hirngespinste einer schlaflosen Nacht zu endlosen Variationen, Verschlingungen und Verzerrungen formieren. „Insomnia“ heißt die fünfte Ausstellung von Teresa Burga, die die Galerie Barbara Thumm mit der peruanischen Künstlerin seit 2012 organisiert hat. Im Zentrum stehen zwei noch nie realisierte Wandzeichnungen aus den siebziger Jahren, für die es eine ganze Reihe ebenfalls noch nie gezeigter Vorzeichnungen gibt.

Man mag sich einen Zustand der Schlaflosigkeit vorstellen, aus dem Teresa Burga ihr komplexes System von Kritzeleien entwickelt hat, das aus hypnotisierenden Schachbrettmustern illusionistische Effekte erzeugt. Auf DIN-A4-Größe verdichtet, verbindet sich darin die Präzision der Ausführung mit der Freiheit der Idee zu hinreißenden Preziosen (um 20 000 Euro). Die schwarz-weißen Grundraster sind mal mehr, mal weniger in weiblich konnotierten Rot-, Rosa- und Lilatönen koloriert, sodass in den verschiedenen Stadien der Ausführung der eigene Entstehungsprozess hervorgehoben wird. Dass nach fast fünfzig Jahren zwei dieser Ideenzeichnungen als großflächige Wandzeichnung (um 100 000 Euro) realisiert werden konnten, kommt einer kleinen Sensation gleich, die ein bezeichnendes Licht auf die verzögerte Rezeption der heute 83-jährigen Künstlerin wirft.

Die 1935 geborene Teresa Burga gehörte in Lima von Anfang an der avantgardistischen Arte Nuevo Group an, die sich ab 1966 mit einer lateinamerikanischen Variante der Pop und Op Art gegen die offiziellen Institutionen und die traditionelle Ästhetik formiert hatte. Während ihres zweijährigen Stipendiums am Art Institut of Chicago, wo sie 1970 ihren Master of Fine Art erwarb, wandte sich Burga über die Beschäftigung mit Semiotik und Strukturalismus zunehmend konzeptuellen Praktiken zu. Dennoch blieben ihre peruanischen Wurzeln in der leuchtenden Farbigkeit und Auseinandersetzung mit den folkloristischen Elementen der indigenen Kultur immer unverkennbar.

Auseinandersetzung mit weiblicher Identität und Geschlechterrollen

Damit zählt Teresa Burga zu den bedeutendsten peruanischen Künstlerinnen, die seit den sechziger Jahren ihre eigene Form der Pop Art und Konzeptkunst in einem Land entwickelt haben, das bis 1980 unter einer nationalistischen Militärregierung stand. Nicht zuletzt darum hat ihre Wiederentdeckung als eine der großen lateinamerikanischen Künstlerinnen, die sich schon früh und in allen Medien mit weiblicher Identität und Geschlechterrollen auseinandergesetzt hat, erst seit wenigen Jahren begonnen.

Die späte Realisierung ihrer ersten Wandzeichnungen steht auch im Kontext von Sol LeWitts berühmten Sentenzen zur Konzeptkunst von 1969, die das Verhältnis von Idee und Werk, Konzept und Ausführung untersuchen. Demnach können Ideen Kunstwerke sein, die aber nicht unbedingt physische Gestalt annehmen müssen. Gerade in der Wandzeichnung materialisiert sich die Idee auf denkbar ephemere Weise und lässt zudem die subjektive Handschrift hinter der delegierten Ausführung zurücktreten.

Projektskizzen, Zeichnungen und Diagramme bilden für die peruanische Konzeptkünstlerin die Grundlage ihrer Werke in unterschiedlichsten Medien. Auch das für die Ausstellung wichtige Licht- und Soundobjekt der „Heartbeat Machine“ (um 100 000 Euro), welches das Elektrokardiogramm Burgas in die Tonaufnahme und Lichtimpulse ihres Herzschlages überträgt, beruht auf einer Zeichnung von 1970. Aus der kardiologischen Aufzeichnung geht eine Art Selbstporträt hervor, das die Frage aufwirft, inwiefern der objektive Befund die subjektive Persönlichkeit repräsentiert. Gerade am Herzschlag lassen sich ja die physiologische Funktionsweise und die psychologische Gefühlswelt der menschlichen Existenz ablesen.

Verknüpfung von künstlerischem und wissenschaftlichem Denken

Bereits in ihrer komplexen Installation „Autorretrato“ (1972/2006) hatte sich Teresa Burga anhand von medizinischen Daten ihres Herzschlags und Bluts sowie den Fotos ihres Gesichts mit der Mess- und Objektivierbarkeit, Standardisierung und Festschreibung weiblicher Identität beschäftigt. Auch in dem „Profil einer peruanischen Frau“ (1981/2017), das auf einer soziologischen Umfrage zu den Lebensbedingungen und -gewohnheiten peruanischer Frauen beruht, geht es um die Verknüpfung von künstlerischem und wissenschaftlichem Denken.

Die „Übersetzung anderer Sprachen in Kunst“ oder die „Aneignung anderer Sprachen für den Eigengebrauch“ unternahm Burga mit einem der berühmtesten Gedichte von Jorge Luis Borges, für das sie ein Farbschema entwickelte. Auch dieses außerordentlich reizvolle Zeichnungskonvolut von 1970 war erstmals bei Barbara Thumm zu sehen, die mit ihrer systematischen Aufarbeitung zur institutionellen Anerkennung von Teresa Burga beigetragen hat. Nach den diesjährigen Ausstellungen im Genter SMAK und im Migros Museum in Zürich – die ab Dezember in der Kestner Gesellschaft Hannover zu sehen ist – gehört Teresa Burga zweifellos zu jenen „Radical Women“, wie sie aktuell in der Gruppenausstellung „Latin American Art, 1960–1985“ in Los Angeles, New York und São Paulo gezeigt werden.

Galerie Barbara Thumm, Markgrafenstr. 68; bis 3. 11., Di–Fr 11–18 Uhr, Sa 12–28 Uhr

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