Das Glas- und Treibhaus wird mehr und mehr zur Kulisse

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"Terranauten" von T. C. Boyle : Geht viel rein, kommt nichts raus
Das reale Vorbild des Boyle-Romans, die „Biosphäre 2“ in Arizona.
Das reale Vorbild des Boyle-Romans, die „Biosphäre 2“ in Arizona.Foto: Mauritius

Judy hat eine Sexaffäre mit Ramsay, Linda schläft mit Johnny. Und wer wird sich wohl von den acht Terranauten im Glashaus paaren (wobei seltsamerweise die Möglichkeiten homosexueller Beziehungen nicht einmal angedeutet werden)? Die Stevie also mit dem Troy, der Ramsay mit der Gretchen, wie sich zeigt, und irgendwann, da bekommt der routiniert und sehr in die Breite erzählte Roman seinen Hauptplot, lassen sich Ramsay und Dawn aufeinander ein, nein, fallen gleich beim ersten Mal derart unvorsichtig übereinander her, dass Dawn schwanger wird und das „Ecosphere“- Projekt auf der Kippe steht.

Nur: Wer interessiert sich jetzt überhaupt noch dafür? Die drei Helden, die anderen sechs Terranauten? Die Leser und Leserinnen? Boyle? Das Glas- und Treibhaus mit seinen fünf Klimazonen wird mehr und mehr zur Kulisse, vor der Ramsay, Dawn und von außen Linda versuchen, mit der neuen Situation umzugehen und die damit einhergehenden Probleme zu diskutieren, bis hin zu offenen Streitereien ums Essen und dem Auseinanderfallen der Gruppe.

Boyles Figuren bleiben eindimensional, bekommen kaum Tiefe oder machen eine nachvollziehbare psychologische Entwicklung durch. Sie haben sich der Sache verschrieben, fühlen sich auserwählt, das treibt sie an – und hin und wieder, immerhin, durchzuckt sie ein Zweifel: Ob das Ganze nicht etwas Sektenhaftes hat? Sollen sie ihr ganzes Leben dieser Mission widmen? Werden sie nicht selbst wie Tiere im Zoo präsentiert? Stets müssen sie eine gute Figur machen, auch wegen des Kommerzes. Doch würden sie nicht lieber den Schaulustigen draußen einmal den Stinkefinger zeigen, so wie Ramsay wenigstens einmal?

Erzählerisches Potential haben solche Gedanken, doch Boyle will sie damit nicht länger beschweren. Er schlenkert lieber hier noch ein paar Theaterstücke rein, die die Terranauten proben sollen (Sartres „Geschlossene Gesellschaft“ zum Beispiel), und pinselt dort eine Terranauten-Hochzeitszeremonie aus. Ja, eine religiös-paradiesische Komponente deutet er an, doch das bloß Komische-Unterhaltende ist ihm um einiges wichtiger.

So ist „Die Terranauten“ ein bisschen „Truman Show“, ein bisschen „The Circle“, wie Dave Eggers’ gar nicht mal guter, aber ungleich konsequenterer Roman über diktatorische, hermetische und gläserne Google-und-Facebook-Welt heißt – und ein bisschen viel Soap. Diese treibt Boyle mit der ungeplanten Schwangerschaft und den unvermeidlichen Turbulenzen und Volten manierlich voran. Was tut Dawn? Abtreiben? Das Kind austragen? Mein Körper gehört mir, nicht der Mission Control? Wie verhält sich der Vater? Wie Gottvater und die Medien? Am Ende, das ist die dürre Erkenntnis dieses langatmig-verschwatzten Romans, steht sich noch der utopischste Mensch immer selbst im Weg. Und: Ein Leben nach der Reality-TV-Show will auch erstmal geführt werden.

T. C. Boyle: Die Terranauten. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Dirk van Gunsteren. Hanser Verlag, München 2017. 606 Seiten, 26 €.

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