Texte über Kalkutta : Hier lebt der kritische kulturelle Geist Indiens

Neben den Slums gibt es in Kalkutta auch tausende freier Theatergruppen: In der Fundstücke-Kolumne geht es diesmal um Texte über die indische Metropole.

Geschäftiges Treiben in Kalkutta.
Geschäftiges Treiben in Kalkutta.Foto: picture alliance / Kol- SM/PTI/d

Kalkutta, zu britischen Kolonialzeiten bis vor gut hundert Jahren noch die Hauptstadt Indiens, ist ein magischer Ort. NeuDelhi fungiert seit 1912 als Verwaltungsmetropole, und Bombay, das heute offiziell Mumbai heiß, boomt als Heimstadt von Bollywood. Aber in Kalkutta, neuerdings auch Kolkata genannt, lebt der kritische kulturelle Geist des Subkontinents.

Weniger mit dem Leben als mit Verwesung, Verwünschung und Tod wird die ostbengalische Vielmillionenstadt am Ganges oft zusammengebracht. Da ist das Sterbehaus für die Allerärmsten, einst gegründet von der Friedennobelpreisträgerin Mutter Theresa. In Filmen und tausend Fotoausstellungen erschauert der reiche Westen vor den Bildern der Wellblech- und Kuhdung-Slums (die wie Metastasen zum Krebs aller indischen Städte gehören), sieht die Nackten und die Toten, die Leprakranken und Ausgezehrten auf den Straßen liegen oder die mit ihren Smartphones telefonierenden Banker, die sich von barfüßigen, ausgemergelten Rikschapullern durch den glutheißen Asphaltdschungel ziehen lassen.

Pier Paolo Pasolini war einst so entsetzt über die Miseren Kalkuttas, dass ihm in seinem Essay „Der Atem Indiens“ nur noch Pesthauch entgegenschlug. Ähnlich hat dann der auf mehreren Reisen von Kalkutta faszinierte Günter Grass reagiert. Schon in seinem „Butt“- Roman erschien ihm „diese bröckelnde, schorfige, wimmelnde, ihren eigenen Kot fressende Stadt“ auf besondere Weise auch „schrecklich schön“. Und tatsächlich hat der Ort, an dem nach einer himmlischen Metzelei eine blutige Zehe der namengebenden Göttin Kali auf die Erde fiel, auch noch ein zweites Gesicht.

Die züngelnde Göttin hat Grass die eigenen Zunge geraubt

Ich war selbst dreimal dort und meine hier nicht die Morbidezza der neobarocken Paläste der früheren Kolonialherren oder die Parks, in denen sich zwischen den oft für Geier gehaltenen schwarzen Riesenkrähen sonntags weiß gekleidete Cricketspieler mit ihren Dienern tummeln. Nein, es gibt neben hundert Slums auch tausend freie Theatergruppen, man spielt und liest Shakespeare und Brecht, es gibt sogar eine bengalische Ausgabe von den Stücken Franz Xaver Kroetz’, der in Kalkutta einst sein Drama „Bauern sterben“ schrieb. Und Indiens Cineasten, fernab von den realitätsflüchtigen Bollywood-Melodramen, sind alle Schüler*innen der früher in Cannes oder auf der Berlinale reüssierten Kalkuttaner Regisseure Satyajit Ray und Mrinal Sen.

Hierfür hatte Günter Grass in seinem vor 30 Jahren erschienenen Kalkutta- Buch „Zunge zeigen“ merkwürdigerweise keinen schriftstellerischen Blick mehr. Die züngelnde Göttin Kali hatte ihm die eigene Zunge geraubt. Sein Kohlestift versuchte wohl noch soziale Szenen à la Käthe Kollwitz einzufangen, doch der Autor G. G. notierte blasiert und vage empört lauter Cocktailempfänge, legte sich aus der Ferne mit seinem Lieblingsfeind Reich-Ranicki an oder las, von Großmeister zu Altmeister, am Ganges Thomas Mann. Das hatte unendlich viel weniger Realität und Spannung als etwa Dominique Lapierres zum Bestseller gewordenes Kalkutta- Slum-Epos „Stadt der Freude“.

Zwischen Archaik und Supermoderne

Ganz anders sieht und schreibt dagegen Josef Winkler. Der gerade 65 Jahre alt gewordene Kärntner, vor zehn Jahren Büchner-Preisträger, ist seit 1993 immer wieder nach Indien und vor allem auch nach Kalkutta gereist. Ursprünglich, weil seine Frau als Tochter eines in Indien beschäftigten deutschen Ingenieurs auf dem Subkontinent einige Jahre ihrer Kindheit dort verbracht hatte. Aus der privaten Erinnerung ist dann, wie von Indiens Geistern besessen und zugleich mit wachen Sinnen, eine wiederkehrende Beschwörung der erlebten Augenblicke geworden. Indiens wahnwitzige, zwischen Archaik und Supermoderne, zwischen Merkantilem und Spirituellem schwirrende Präsenz hält Winkler fest: in seinen mit blauer Tinte geschriebenen indischen Notizbüchern, in die er auch Fotos und Zeitungsausschnitte klebt, in den dazu gedruckten, ausformulierten Beobachtungen. Das alles findet sich als schöne, oft erschütternde Momentaufnahmen in den drei handlichen Bänden einer „K“-Trilogie, deren jüngster gerade erschienen ist: Josef Winkler „Kalkutta I–III“, Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra, jeweils gut 100 Seiten mit Illustrationen, 20 Euro.

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