„The Big Sick“ im Kino : Komiker oder Terrorist

Willkommen in Amerika: Michael Showalters Culture-Clash-Komödie „The Big Sick“ hat ein romantisches Herz.

Die Beziehung von Kumail (Kumail Nanjiani) und Emily (Zoe Kazan) beginnt holprig.. Aber nicht mal ein Koma kann sie erschüttern.
Die Beziehung von Kumail (Kumail Nanjiani) und Emily (Zoe Kazan) beginnt holprig.. Aber nicht mal ein Koma kann sie erschüttern.Foto: Weltkino

Hollywood scheint nach zwei leidenschaftlich geführten #Oscarssowhite-Debatten so langsam für Identitätspolitik sensibilisiert zu sein. Und auch hier muss man wieder einmal die Vorbildfunktion des neuen Serienfernsehens anerkennen. Gerade in der amerikanischen Comedy ist „Racial Profiling“ seit einigen Jahren eine (ausnahmsweise) positive Entwicklung. Kulturelle Diversität gehört in der US-Sitcom längst zum guten Ton, wie schon die letzten Emmy-Verleihungen zeigten. Mindy Kaling („The Mindy Project“), Donald Glover („Atlanta“), Aziz Ansari („Master of None“), Issa Rae („Insecure“), Constance Wu („Fresh Off the Boat“) – das sind nur die bekanntesten Comedians, die den Blick auf die Gesellschaft mit ihren biografisch gefärbten Alltagsbeobachtungen geschärft haben.

Es geht dabei weniger um die (oftmals paternalistische) Geste, einer gesellschaftlichen Minderheit eine „Stimme“ zu geben, sondern im Gegenteil darum, das Selbstverständnis einer Mehrheitsgesellschaft um andere Perspektiven zu bereichern. Die Missbrauchsvorwürfe gegenüber dem Stand-up-Comedian Louis CK haben ja noch einmal vor Augen geführt, dass man wirklich genug weiße alte Männer über ihren zurückweichenden Haaransatz lamentieren gehört hat.

Auftritt Kumail Nanjiani, bekannt geworden als „Quoten-Inder“ in der Sitcom-Version des notorisch weiß besiedelten „Silicon Valley“. Nanjianis Eltern sind aus Pakistan in die USA eingewandert. Und welche Optionen hat man als junger Pakistani wohl in den USA, fragt er in Michael Showalters Romantic Comedy „The Big Sick“. Es ist ein Standard in seinem Stand-up-Repertoire, Witze von Migranten über Migranten-Klischees ziehen immer. Irgendwas mit IT? Uber-Fahrer? IS-Terrorist, wie ein rassistischer Collegeproll in den Raum schreit? Oder eben: Komiker. Kumails traditionelle Eltern sind mit der Wahl ihres Sohnes alles andere als glücklich, also versuchen sie ihn wenigstens mit einem anständigen pakistanischen Mädchen zu verheiraten. „Warum habt ihr mich nach Amerika gebracht, wenn ich hier so leben soll wie zu Hause?“, fragt er einmal entnervt.

Am Krankenbett lernt Kumail Emilys Eltern kennen

Im Einwanderungsland USA hat die Culture-Clash-Komödie noch eine andere Qualität als im europäischen Kino („Monsieur Claude und seine Töchter“, „Willkommen bei den Hartmanns“), weil sie es nicht darauf anlegt, ein Programm von Ressentiments abzuspulen. Und so verschiebt sich der kulturelle Konflikt in „The Big Sick“ bald hin zu einem existenziellen. Kumail hat sich in Emily (Zoe Kazan) verknallt, verschweigt das aber vor den Eltern, die weiter mit allesamt reizenden Brautanwärterinnen aufwarten. Als Emily das Doppelspiel aufdeckt, macht sie wütend mit Kumail Schluss. Der erhält kurz darauf einen Anruf von deren bester Freundin: Emily wurde ins Krankenhaus eingeliefert, ob er sich kurz um sie kümmern könnte? Als er in der Notaufnahme ankommt, lassen ihm die Ärzte keine andere Wahl als einzuwilligen, dass seine Ex-Freundin ins Koma versetzt wird.

Hier nimmt die romantische Komödie eigentlich erst ihren Lauf. Man spürt die Handschrift von Produzent Judd Apatow („Funny People“), der die Geschichte weniger von ihrer Dramaturgie, sondern von den Figuren her denkt. Am Krankenbett lernt Kumail Emilys Eltern kennen, gespielt von einer energiegeladenen Holly Hunter und Ray Romano als stoffeligem Literaturwissenschaftler. Beth geht anfangs auf Konfrontation zu dem Mann, der ihrer Tochter das Herz gebrochen hat. Aber die Enge und die Sorge schweißen sie zusammen. Showalter gewährt seinen Darstellern viel Raum, um die Chemie ihrer Figuren zu erkunden, Kazans schräge Energie ist selbst im komatösen Zustand präsent. „The Big Sick“ macht dann gar nicht viel mehr, als die Intensität einzelner Szenen voll wahrhaftiger Situationskomik aufzuspüren. Und sie – bei aller Kitschanfälligkeit – zu einer unsentimentalen Liebesgeschichte zu überhöhen.

In 15 Berliner Kinos. OmU: Babylon Kreuzberg, Eiszeit, Eva, International, Kulturbrauerei, Odeon, Sputnik, Tilsiter Lichtspiele, OV: Cinestar Potsdamer Platz

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