„The Equalizer 2“ mit Denzel Washington : Zwischen mir und der Gewalt

Denzel Washington verkörpert in Antoine Fuquas Action-Thriller „The Equalizer 2“ wieder den Schutzengel in einer moralischen Grauzone.

Robert McCall (Denzel Washington) will den jungen Miles (Ashton Sanders) vom falschen Weg abbringen, notfalls auf die harte Tour.
Robert McCall (Denzel Washington) will den jungen Miles (Ashton Sanders) vom falschen Weg abbringen, notfalls auf die harte Tour.Foto: Sony

Killer müssen im Kino irgendeinen Spleen haben, eine Art Visitenkarte. Es spielt keine Rolle, ob sie auf der Seite der Guten oder der Bösen stehen. Die krude Idee des „guten Killers“ ist noch ein Relikt des Selbstjustizthrillers, der zuletzt wieder Konjunktur erlebte – nicht zuletzt dank Denzel Washingtons Recht schaffendem Ex-CIA-Agenten Robert McCall in „The Equalizer“. Vor vier Jahren führte McCall seinen persönlichen Tic ein, seine Stoppuhr: Genau 26 Sekunden vergehen vom ersten Schlag bis zum letzten Schuss, eine Signatur-Geste, mit der sich der passionierte Schutzengel – McCall arbeitet nicht für Geld – schon stilistisch von den professionellen Beschaffungskriminellen, die er routiniert aufmischt, abhebt. Seine Freizeit verbringt er mit Klassikern der amerikanischen Literatur (Ernest Hemingway) im Diner an der Ecke. Der Mann hat Stil, aber wir reden schließlich auch von Denzel Washington.

Washington hat sich kürzlich in einem Fernsehinterview scherzhaft darüber beschwert, dass er vermutlich der einzige afroamerikanische Schauspieler sei, dem keine Rolle in „Black Panther“ angeboten wurde. Bedenkt man seine versteinerte Miene bei den letzten Oscar-Verleihungen, bei denen er konsequent übergangen wurde, könnte man allerdings vermuten, dass er diese Nachlässigkeit durchaus persönlich nimmt. „Equalizer 2“, wie der Vorgänger unter der Regie von Antoine Fuqua, kommt einem Superhelden-Franchise schon recht nah. Washingtons Vibranium-Schutzschild ist seine imposante Statur und die natürliche Autorität eines Stars, der mühelos zwischen den Registern des generischen Actionfilms und des afroamerikanischen Dramatikers August Wilson wechseln kann.

Der Unterschied zwischen Handwerker und Action-Auteur

Man hätte Washington allerdings einen besseren Stoff gewünscht als den Aufguss einer Fernsehserie aus den achtziger Jahren (damals mit dem britischen Charakterdarsteller Edward Woodward). Und einen anderen Regisseur als Fuqua, der seit über 15 Jahren versucht, an seinen Erfolg mit „Training Day“ (für den Washington seinen zweiten Oscar erhielt) anzuknüpfen. Washington hat bisher vier Filme mit Fuqua und fünf mit dem 2012 verstorbenen Tony Scott gedreht: Der direkte Vergleich zeigt den Unterschied zwischen einem Handwerker und einem Action-Auteur auf.

Washington gibt sein Bestes, dem Drehbuch von „The Equalizer 2“ eine Fallhöhe (wenn auch keine moralische) zu geben. Doch Fuqua und seinem Autor Richard Wenk gelingt es nicht mal, der mittlerweile sträflich unterbeschäftigten Melissa Leo einen anständigen Auftritt zu verschaffen. Leo spielt Susan Plummer, die den offiziell für tot erklärten McCall unter der Hand mit Aufträgen versorgt. Der Prolog in der Türkei ist ein kläglicher Versuch, die Reichweite der Reihe auszuweiten – wohl für den Fall, dass es mit Idris Elba als schwarzem James Bond doch nicht klappt. Stattdessen etabliert der Türkei-Einsatz ein Maß an Brutalität, das sich mit dem Bild des wohltätigen Schutzengels kaum verträgt.

Denzel Washington spielt einen Zwangscharakter

Washingtons Robert McCall ist mehr Projektionsfläche als richtiger Charakter – und darin nicht einmal uninteressant. Seine persönlichen Motive scheinen permanenten Rechtfertigungszwängen zu unterliegen, McCall ist ein Zwangscharakter par excellence, ähnlich wie die von ihm verkörperte Figur des Müllarbeiters Troy in seiner August-Wilson-Adaption „Fences“. Seine Selbstgerechtigkeit äußert sich übergriffig, eine Spiegelung der Gewalt, die McCall auf der Straße mit den Methoden des Elitesoldaten bekämpft. In seinem Mietshaus ist er die gute Seele, übermalt die Graffitis an der Hauswand und nimmt sich des jungen Miles (Ashton Sanders) an, der im selben Haus lebt und sich mit einer kriminellen Gang einlässt.

Die Beziehung zwischen dem Mann und dem Jungen ist für die moralische Fallhöhe von „The Equalizer 2“ instruktiver als die martialischen Alleingänge McCalls, der nebenbei noch eine Verschwörung innerhalb der CIA aufzudecken hat, welche auch seine Auftraggeberin das Leben kostet. Mit einer Lehrstunde in Kommunitarismus überzeugt er Miles in Mark-Twain-Manier, zum Wohl der Hausgemeinschaft die Wand zu streichen, statt sich mit Drogendealern abzugeben. Später holt er ihn unter Waffengewalt aus der Festung der Gang heraus, der sich Miles anschließen will, um seinen toten Bruder zu rächen.

Amerika und seine Gewaltgeschichte

In solchen Szenen blitzt vage eine Ahnung von Amerikas Verhältnis zur eigenen Gewaltgeschichte auf: McCall drückt Miles Lektüre in die Hand, ein Exemplar von Ta-Nehisi Coates’ „Zwischen mir und der Welt“. In was für einer Gesellschaft soll die nächste Generation von Afroamerikanern aufwachsen? Es ist definitiv eine Welt, die Denzel Washington einmal planiert hat, bis der letzte Abschaum rechtschaffen hinweggefegt ist. Ehrlich gesagt möchte man nach „The Equalizer 2“ lieber Mitglied in Robert McCalls Buchclub werden, als seiner Vision einer besseren Welt zu folgen.

In 18 Berliner Kinos. OmU: Karli Neukölln; OV: Neukölln Arcaden, Kinowelt Eastgate, Colosseum, Kinowelt Friedrichshain, Zoo Palast

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