Dimitry Krymov hat ein opulentes Spektakel geschaffen

Seite 2 von 2
Theater der Welt : Mit Shabby Shabby gegen die Welt
Ulrike Kahle-Steinweh
Temporäres Zimmer des „Hotel Shabby Shabby“-Projektes.
Temporäres Zimmer des „Hotel Shabby Shabby“-Projektes.Foto: FOR’REST_Interior

Rabih Mroué aus Beirut schuf ein Stück, mit und über seinen Bruder Yasser Mroué: „Riding on a cloud“. Yasser sitzt am Tisch und legt wie einst bei Beckett Tapes auf, diesmal als Video. Gezeigt wird sein Leben. Mal redet er selbst, mal kommt die Stimme vom Band. Die Videos hat er selbst gemacht, der Bruder hat sie ausgesucht, zusammengestellt. Wer bin ich, wer ist das Ich auf der Bühne, was ist die richtige Geschichte, meine oder die auf der Bühne? Yassers Geschichte hat es in sich. Im libanesischen Bürgerkrieg schoss ein Heckenschütze auf ihn und verletzte sein Gehirn. Er war 17. Seitdem ist seine rechter Arm unbeweglich, kann er auf Abbildungen nichts mehr erkennen. Als Training drehte er in 20 Jahren tausend kurze Videos. Ergreifend, wenn die Brüder zum Schluss zusammen Gitarre spielen, der Regieführende seinem Darsteller die rechte Hand leiht. Ein kostbarer Moment, „Sein und Nichtsein“, Theater und Wirklichkeit sind vereint.

Theater, das vor allem Theater sein will, ist „Tararabumbia“ von Regisseur, Bühnenbildner und Maler Dimitry Krymov. Auf endlos langem Fließband zwischen zwei Zuschauertribühnen läuft eine sagenhafte Revue mit über 100 Darstellern. Szenen, Bilder zu Sätzen von Tschechow, aus der „Möwe“, den „Drei Schwestern“, „Kirschgarten“. Figuren und Bilder, die auf dem Laufsteg auch russische Geschichte abspulen, so vielgestaltig, so rasant, dass einem der Atem stockt. Auf hohen Stelzen, mit Breakdance, Mozart-Koloratur, in massenhafter Vervielfältigung etwa des Trigorin. Ein Spektakel, das jeden Rahmen sprengt, mittels Opulenz und Disziplin. Danach: Standing Ovations. Auch aus Erleichterung, ein Russland zu sehen jenseits von Putin und Genossen.

Reduziert dagegen die japanische Uraufführung von „Super Premium Soft Double Vanilla Rich“, von Autor und Regisseur Toshiki Okada und seiner Theatercompany Chelfitsch. In einem der typischen japanischen 24-Stunden-Supermärkte begegnen sich zwei Angestellte, der Filialleiter, der Supervisor, eine Kundin und ein Nicht-Kunde. Sie machen sinnlose Bewegungen zu ihren Sätzen, durchaus ungeschickt, gelegentlich sehr komisch. Der Erkenntniswert bleibt relativ gering: Die Sinnlosigkeit eines Supermarktes, einer Warenwelt. Selten hat das Wohltemperierte Klavier von Bach als ständige Begleitmusik so genervt.

Stellenweise wird es intensiv, nämlich wenn Emotionen köcheln. Wenn die Kundin, die jeden Abend ein Super-Soft-Vanilla-Eis kauft, ihren Lebensmittelpunkt verliert, weil die Produktion eingestellt wird. Als die anteilnehmende Aushilfe ihr das verbesserte Nachfolgeprodukt präsentiert, das titelgebende „Super Premium Soft Double Vanilla Rich“, weist sie es empört zurück: Sie vermisst den Geschmack von Chemie. Das ist hübsch absurd auf den Punkt gebracht. Doch trotz der unaufhörlichen Bewegungen der exzellenten Schauspieler bleibt das Ganze etwas eintönig, vermutlich ist es einfach zu lang.

Der zweitägige Auftakt ist mehr als gelungen mit Aufführungen und Installationen, die vorführen, wo Kunst heute steht, was Künstler mit unserer Wirklichkeit machen können. Und was nicht.

Theater der Welt, bis 8. Juni in Mannheim, Info: www.theaterderwelt.de

Artikel auf einer Seite lesen
Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar