Theater für Kinder und Jugendliche : Arm, reich oder Mitte

Gesellschaftsspiel für alle ab zehn: Die Performance „Unterscheidet euch!“ von Turbo Pascal im Theater an der Parkaue.

Geht so Kapitalismus? Szene aus der ersten Produktion der Gruppe Turbo Pascal für Kinder und Jugendliche.
Geht so Kapitalismus? Szene aus der ersten Produktion der Gruppe Turbo Pascal für Kinder und Jugendliche.Foto: Christian Brachwitz

Wollen Sportreporter einen Fußballer besonders loben, attestieren sie ihm gern, er sei einer, „der den Unterschied macht“. Das scheint also etwas Gutes zu sein: sich zu unterscheiden. Andererseits hört man doch immer wieder, dass auch Gleichheit eine ziemlich erstrebenswerte Sache sei, egal ob in einem Team oder in einer Gesellschaft. Tja. Kompliziert. Die Frage ist ja außerdem: woran erkennt man das Gemeinsame und das Verschiedene?

Die Performer der Gruppe Turbo Pascal nehmen im Theater an der Parkaue zunächst mal ihr junges Publikum sehr genau in Augenschein. Stellen fest: „Alle haben Hosen an“. Oder: „Keiner trägt Gummistiefel“. Woraus zu schlussfolgern wäre, dass wir uns nicht auf dem Land befinden, sondern in der Stadt. Richtig, in Berlin, und dort sollte es ja anno 2019 keine Rolle mehr spielen, ob man Ossi oder Wessi ist, oder? Andererseits wird doch immer noch zwischen Ost- und Westdeutschen unterschieden, und obendrein gibt es noch „Neudeutsche“, „Russlanddeutsche“, „Deutschtürken“ und so fort. Vielleicht sollte man die Kids einfach mal fragen, welcher Gruppe sie sich zugehörig fühlen.

Der Mensch ist eben ein Gruppenwesen

Dafür nimmt das Turbo-Pascal-Team Aufstellung in den Ecken des Raumes, ausgerüstet mit Tafeln, auf denen wechselnde Leuchtschriften zur Rudelbildung auffordern: „Pferdefans“ hier, „Fußballfans“ dort, „Rapfans“ auf der anderen Seite. Angebote zur Identifikation, die begeistert angenommen werden, übrigens ungefähr so genderklischeegerecht, wie man sich das gar nicht vorstellen wollte. Auch „cool“, „verrückt“ und „schüchtern“ finden zahlenstarke Anhängerschaft, ebenso „gläubig“, „nicht gläubig“, „unsicher“. Der Mensch ist eben ein Gruppenwesen, das sich gern unter Gleichgesinnten wiederfindet. Obwohl: Als „arm“ und „reich“ zur Auswahl stehen, nimmt die Lust am Label spürbar ab.

Die Performance „Unterscheidet euch!“ findet damit ihren smarten Abzweig von der puren Mitmachfreude zur tieferen Betrachtung des Komplexes „Zugehörigkeit und Diversität“. Das Theaterkollektiv um Eva Plischke, Angela Löer und Frank Oberhäußer ist darauf spezialisiert, gruppendynamische Prozesse in Gang zu setzen, die dem Publikum erlebnispraktische Erkenntnismomente verschaffen sollen.

Das Sein bestimmt eben das Bewusstsein

Die erste Turbo-Pascal-Inszenierung für junge Zuschauerinnen und Zuschauer funktioniert bestens. Gerade weil das didaktische Moment, das ihren Arbeiten oft anhaftet, im Spiel vor Schulklassen ironischerweise vollkommen unangestrengt wirkt. Wolfgang Boos, Friedrich Greiling und Hanni Lorenz ziehen eine Tombola auf, die verschiedene Besitztümer verlost. Die Kinder und Jugendlichen sollen selbst entscheiden, ob sie damit unter „Arm“, „Reich“ oder „Mitte“ fallen. Was zu ziemlich bemerkenswerten Ergebnissen führt. Die „geräumige Altbauwohnung mit 2 Balkonen“ wird ebenso unter „Mitte“ gefasst wie die „2-Zimmer-Wohnung, geteilt mit Eltern und Geschwistern“. Das Sein bestimmt das Bewusstsein, nicht wahr?

Das Theater an der Parkaue hat ja schon etliche starke Kooperationen mit der freien Szene gestiftet, mit Showcase Beat Le Mot, norton.commander.productions, Two Fish und anderen. Die Kollaboration mit Turbo Pascal ist mal wieder ein Glücksgriff. Motive von Teilhabe und Ausschluss, Vielfalt und Einfalt werden mit ebensolcher Fantasiefreude verhandelt wie die Frage, wie das eigentlich geht, reich zu werden? Die mehrheitsfähige Antwort lautet „Lotto spielen“.

Wieder am 30. 4., 18 Uhr u. 4. 5., 16 Uhr, sowie diverse Vormittagsvorstellungen.

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