Alles Malt: Straßenperformance, Container-Installation und Finankrisen-Farce

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Theaterfestival : Aktien und Aktionen

Kurator Kaegi dagegen behält Poznan im Blick. Das Malta-Festival ist ja seinem Wesen nach ein Stadttheaterereignis, das hat er nicht vergessen. Es gibt Hörspiele an öffentlichen Plätzen, eine Straßenperformance der französischen Gruppe Ex Nihilo, eine Container-Installation von Dries Verhoeven mitten in der Altstadt. Fast immer sind lokale Performer beteiligt. Wie jene asiatischstämmige, in Poznan beheimatete Künstlerin, die während der Verhoeven-Performance stoisch die Nerven behielt, während um sie herum Betrunkene munter pöbelten und versuchten, sich gegenseitig in den Proserpina-Brunnen zu stoßen. Ein Clash der Welten. Die Szene hat Kaegi gefallen.

In der Ojisan Milk Bar ist das Licht gedämpft. Das kleine asiatische Lokal, dessen Front mit koreanischem Barbecue wirbt, ist der Schauplatz von Ant Hamptons Performance „Elsewhere, Offshore“. Zwei Zuschauer nehmen Platz, einander zugewandt, zwischen sich Plexiglasplatten, die als Projektionsfläche dienen. Bald wird das Gegenüber mit dem Gesicht eines Chinesen überblendet. Eine rätselhafte Erscheinung aus den Tiefen des World Wide Web. Es beginnt ein surreal schwebender Chat, in dessen Zuge sich herausstellt, dass der Fremde einer jener Arbeiter ist, die in China bei der Fertigung von Apple-Displays mit der Chemikalie n-Hexan vergiftet worden sein sollen. Eine mittlerweile widerlegte Behauptung – und in ihrer Symbolik doch der verstörende Einbruch einer Wirtschaftswirklichkeit in die Kunst, die sich um niedrige Löhne, nicht aber um die Sicherheit von Arbeitern sorgt.

Im Gebäude der Firma Concordia Design wird die Grenze zwischen Bilder- und Businesswelt gänzlich aufgelöst. Dirk Fleischmann ist ein Unternehmer neuen Typs, der Kunst in Frankfurt studiert hat. Er betreibt Projekte, die sich selbst oder gegenseitig finanzieren – eine Solaranlage, eine Hühnerfarm, ein Wiederaufforstungsprojekt auf den Philippinen. Präsentiert in der Aktion „mysaleshow“, wo man sie auch mit barer Münze unterstützen kann. Indem man eine mit Solarenergie gespeiste Lampe kauft oder ein Öko-Hühnerei. Außerdem lässt Fleischmann Mode in Nordkorea fertigen, die wiederum nur in ausgewählten Läden oder im Ausstellungszusammenhang angeboten wird.

In der Sonderwirtschaftszone Kaesung, einer Ausgeburt der bereits wieder überschatteten Sonnenscheinpolitik zwischen den verfeindeten Koreas, arbeiten südkoreanische Firmen mit nordkoreanischen Arbeitern. Hier ist auch das diesjährige Malta-Festival-Shirt genäht worden. Fleischmann hat die Fertigung gefilmt, er hatte nur die Auflage, keine Gesichter in Großaufnahme zu zeigen. Die Ökonomie überwindet Grenzen, wo der Pass versagt. Und die Moral von der Geschicht? „Künstler zeigen die Dinge“, entgegnet Fleischmann, ohne eine Miene zu verziehen. „Sie bewerten sie nicht.“

Michael Merczynski sagt, ein Fußballfest wie die EM helfe, Ressentiments zu zerstreuen. Ein Beispiel? „Im Halbfinale gegen Italien haben wir alle Deutschland die Daumen gedrückt. Ihr hattet eine tolle Mannschaft.“ Doch auch nach dem schönsten, friedlichsten Fest kommt der Kassensturz. Dass viele Kommunen sich für die Infrastruktur verausgabt haben und an der Kultur sparen könnten, diese Gefahr sieht auch Merczynski. Wenngleich er beruhigende Signale aus der Politik bekommt. Das Malta-Festival verfügt über ein Budget von umgerechnet zwei Millionen Euro, so soll es bleiben, toi, toi, toi.

In der Handwerkskammer von Poznan performen derweil Chris Kondek und Christiane Kühle unter Jubel ihre Finanzkatastrophen-Farce „Money – It Came From Outer Space“, in der sie die Bankenkrise mit Sciencefiction-Trash à la „Das Ding aus einer anderen Welt“ kurzschließen. Und das Geld zur außerirdischen Bedrohung erklären. Merczynski bleibt gelassen. Das Wort Euro verbinden sie in Polen derzeit mit keiner Krise. „Wir zahlen ja noch in Zloty“, sagt der Festivalmacher und lächelt.

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