Achim Freyer setzt sich bei einer Italien-Tournee in den Westen ab.

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Theatermacher Achim Freyer wird 80 : Herr der Wunderkammern

Als 23-Jähriger kommt er 1955 zu Brecht ans Berliner Ensemble, soll Plakate machen, möchte aber auch Bühnenbild lernen, wird so Meisterschüler von Brecht und dessen Bühnenbildner Karl von Appen. Bald entwirft er Szenerien und Kostüme für Ruth Berghaus, Adolf Dresen und Benno Besson. Dresens „Clavigo“ am Deutschen Theater wird 1971 (mit Freyers Bühnenbild) in Ost-Berlin verboten, daraufhin setzt er sich 1972 bei einer Italien-Tournee der Volksbühne in den Westen ab. Die Toskana ist bis heute noch neben Berlin sein zweiter Wohnsitz.

Seine Malerei changiert zwischen zeichenhaft Figurativem und abstrakter Reduktion, 1977 und 1987 ist er auf der Kasseler Documenta, doch in der Öffentlichkeit tritt der reine Bildkünstler zurück. Zu schnell und steil geht Freyers Theaterkarriere seit den 1970er Jahren ab. Für Claus Peymanns Stuttgarter „Faust“ macht er zusammen mit seiner Frau Ilona die burleske, volkstheaterhafte Ausstattung, arbeitet auch fortan mit Puppen, Masken, Grand-Guignol-Effekten.

Sinnbildliche Repräsentationen der Seele und des Körpers

Zugleich entsteht ein heute nur noch mit der delikaten Licht-Raum-Zeichenwelt von Robert Wilson vergleichbarer Freyer-Stil, auch in den eigenen Inszenierungen. Ob er schon bei seiner ersten Opernregie 1979 in München Glucks „Iphigenie“ aus der vermeintlich gipsbiederen Zweitklassikerecke ins archaisch Wilde, expressionistisch Tragische holt, ob er Ovids „Metamorphosen“ am Wiener Burgtheater, Händels „Messias“ an der Deutschen Oper Berlin oder Mozarts „Zauberflöte“ von Salzburg bis Warschau eine völlig eigene Metaphorik verleiht, ob Freyer bei Wagner oder Philip Glass die Zeit und das Bild zum Raum werden lässt und Riesenhände aus dem Bühnenhimmel wachsen und seine Wagner-Helden wie Yedi-Ritter Schwerter zu Leuchtstäben machen: Es sind überwirkliche, übersinnliche, also superwirkliche und supersinnliche Erzählungen von einst und jetzt.

Sinnbildliche Repräsentationen der Seele und des Körpers – Achim Freyers Vision von Emilio de Cavalieris barocker „Rappresentatione di Anima et di Corpo“ läuft in Berlin ab 4. Mai wieder in der Staatsoper im Schillertheater. Diese Woche, am 4. April, hat zudem im Berliner Ensemble in Freyers Szenerie Claus Peymanns Theaterfassung von Kafkas „Prozess“ Premiere. Freyer-Festspiele, so soll es sein!

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