• Théâtre du Soleil feiert Doppel-Jubiläum: Die Sonnenkönigin und der Königsmörder

Die Neuerfindung des Theaters.

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Théâtre du Soleil feiert Doppel-Jubiläum : Die Sonnenkönigin und der Königsmörder
Eberhard Spreng
Der Griff nach der Macht. Macbeth bricht aus der Familienidylle aus und tötet Konkurrenten nach Belieben.
Der Griff nach der Macht. Macbeth bricht aus der Familienidylle aus und tötet Konkurrenten nach Belieben.Foto: Theátre du Soleil

Das Revolutionspanorama „1789“ war der erste große internationale Erfolg des Sonnentheaters, zehn Jahr später verzauberte ihr Shakespeare-Zyklus das Publikum. An die Aufführungen in der Deutschlandhalle erinnert man sich gern – an die Akteure, die Pferd und Reiter zugleich waren. Es war die Neuerfindung eines Theaters, das sich auf der Basis einer europäischen Dramaturgie in die unerschlossenen Räume des Welttheaters vorwagte. Die Trilogie königlichen Scheiterns war zugleich ein ungeheurer theatralischer Triumph. Angefeuert von asiatischen Theaterformen, die für die Regisseurin nach Reisen nach Japan und Indien ästhetischer Leitfaden waren, sprangen die Shakespeare-Figuren in bunten, wallenden Kostümen wie verzückt über die Bühne, fielen gewaltige Seidenprospekte flimmernd zu Boden und mit ihnen der Glanz vergehender Reiche.

Noch einmal zehn Jahre später eroberte Ariane Mnouchkine einen anderen Kontinent des Welttheaters. Sie stellte der „Orestie“ des Aischylos die aulische Iphigenie des Euripides voran und verschreckte damit im Dienst einer vollständigen Atriden-Chronik die Puristen. Ein Kampf der Geschlechter war da mit dem Tochteropfer des Schlachtenlenkers Agamemnon losgetreten, ein unerbittlicher, blutiger Streit, angefacht von einem Zwist der Götter. Auf der Erde und auf dem freien Spielfeld des Theaters war dem nur mit dem Tanz der Verzückung für Momente beizukommen. Diesmal gastierte das Soleil in Babelsberg.

Auch bei Molières „Tartuffe“ (1995), der in Berlin in der Arena Treptow Station machte, hat sie den alten akademischen Staub vom Stück geblasen und eine ungemein heutige dramaturgische Perspektive eröffnet. Der Frömmler und Betrüger Tartuffe macht sich im Dienste des islamischen Fundamentalismus im Haus eines Bürgers breit. Und dabei ist er, so zeigte Mnouchkines späte inszenatorische Wendung, nicht allein. Vor französischen Fundamentalisten musste das Theater während der Proben die Türen gut verschließen. Die glaubten einfach nicht, dass hier wirklich nur Molières Text gesprochen wurde.

Zwischen die großen klassischen Stoffe schob Ariane Mnouchkine stets zeitgenössische Erforschungen ihrer Freundin Hélène Cixous, die nun die Aufgabe hat, dem „Macbeth“ eine Entsprechung im 21. Jahrhundert zu finden; dieses Stück soll im nächsten Jahr herauskommen. Immer mehr bedient sich die Mnouchkine impressionistischer Kollagetechniken, spielt ihre Regie mit dem Melodramatischen. Aber auch dieses war immer im besten Sinne: Volkstheater.

Die Chefin hat im März ihren 75. Geburtstag gefeiert. Nun ist ihr Theater ein halbes Jahrhundert alt. Ariane Mnouchkine steht immer noch an den Toren der Cartoucherie und reißt die Karten ab, begrüßt die Zuschauer. So viel stolze Demut und Hingabe an das Theater gibt es nicht noch einmal.

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