• Théâtre du Soleil feiert Doppel-Jubiläum: Die Sonnenkönigin und der Königsmörder
Théâtre du Soleil feiert Doppel-Jubiläum : Die Sonnenkönigin und der Königsmörder

Das legendäre Pariser Théâtre du Soleil wird 50 Jahre alt und feiert sein Jubiläum mit einer „Macbeth“-Inszenierung der Prinzipalin Ariane Mnouchkine.

Eberhard Spreng
Vor 50 Jahren wurde das Theatre du Soleil gegründet. Den Geburtstag feiert die Leiterin Mnouchkine mit einem neuen Shakespeare.
Vor 50 Jahren wurde das Theatre du Soleil gegründet. Den Geburtstag feiert die Leiterin Mnouchkine mit einem neuen Shakespeare.Foto: dpa

Landhaustische flitzen auf die Bühne, Lüster, Balustraden, Rosenbüsche. In rasantem Wechsel entsteht ein Salon. Die Macbeths leben im Idyll. Ein Hauch von heiterem Gärtnereibetrieb liegt über einem Haushalt, in dem Lady Macbeth eine gut gelaunte Gesellschaft von Bediensteten befehligt. Plötzlich schneit ins heitere Familienleben ein fataler Brief – ein Weckruf fürs Karrieremachen, das Ende des blumigen Friedens.

Das Rosen-Inverness ist nur eine von zahlreichen Welten, die Ariane Mnouchkines 40-köpfiges Ensemble zum doppelten Jubiläum aufs Spielfeld zaubert: Festsäle, neblige Nachtszenen und Schlachtfelder ziehen am Zuschauer vorbei. Hier, in der ehemaligen Pulverfabrik, der Cartoucherie, behauptet das Theater noch immer seine alte Größe, mischt sich Romantik mit Weltruhm, Nostalgie mit der Suche nach neuer Dramaturgie. Mit dem Pariser Théâtre du Soleil und seinen Tourneen verknüpfen sich so viele Erinnerungen, Geschichten, Erlebnisse – Lebenszeit.

50 Jahre Theater im Zeichen der Sonne, 450 Jahre Shakespeare: Ariane Mnouchkine inszeniert „Macbeth“ als üppigen Bilderbogen und leistet sich noch für jede kurze Szene ein eigenes Bühnenbild. Im Laufschritt bringen Ensemblemitglieder und Helfer Mobiliar, Lampen, Mäuerchen. Und wieder zeigt sich: Eines beherrscht die Sonnentheaterprinzipalin wie kein anderer: die Generalmobilmachung der Theatermittel. Für das Schwelgen in Bildern ist also gesorgt.

So schön die Optik ist, so schwierig ist es, das Stück über die blutigen Folgen falscher Hexenhörigkeit aus dem kruden Bilderbogen zu erschließen. Daran nicht ganz unschuldig ist der Macbeth des Serge Nicolaï, der nie gefährliche Unberechenbarkeit, nie eine fatale Besessenheit spielt, sondern immer nur polternden Bühnenfuror. Selbst am Ende, wenn sogar die Kumpanin seines blutigen Ehrgeizes, wenn Lady Macbeth vor seiner verrückten Blutherrschaft in den Tod geflüchtet ist, kommt seine Untergangslust nicht aus einer perversen Obsession, sondern aus aggressivem Übermut.

So wenig unheimlich wie dieser ausgeflippte Usurpator sind die Hexen von Paris. Sie sind nicht drei an der Zahl wie bei Shakespeare, sondern ein ganzer Tross. Als hämische Frauen in bunten Lumpen erinnern sie ein wenig an den Chor der Erinnyen aus Mnouchkines Atridenzyklus. Es sind Ewigkeitsgeschöpfe, die sich über den Irrsinn der Männer amüsieren und einmal auch in einem der hübschen Salons Stühle rücken und Poltergeist spielen. Dann fliegen die Silberschalen in hohem Bogen von Tischen des misslungenen Gastmahles, kreiseln die Sitzgruppen lustig zum Hexenspaß um die eigene Achse. Wenn aber Macbeth bei einer seiner Befragungen des Schicksals zusammen mit seinen Wahrsagerinnen hinter einem Computerbildschirm hockt, dann ist die Gleichung von Internet, Hexenkessel und Orakel doch etwas einfach.

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In dem unterhaltsamen Bilderbogen setzt sich die sichtbare Welt vehement gegen unsichtbare Mächte und das Okkulte durch. So bleiben auch für die Schauspieler des vielköpfigen Ensembles nur wenig Chancen, etwas anderes zu spielen als Illustrationen des Geschehens. Nirupama Nityanandan, einst die Iphigenie in der legendären Atriden-Tetralogie, gelingt als Lady Macbeth die Zeichnung einer modernen Frau, die ihren polternden Ehemann bei Gesellschaften immer wieder vor sich selbst schützen muss. Auch umringt von den Mikrofonen und Kameras der Hofberichterstatter, bleibt sie stets beherrscht und charmant.

Ariane Mnouchkine hat in ihren letzten Arbeiten – „Les Naufragés du Fol Espoir“ (2010) nach einem Roman von Jules Vernes und „Les Ephémères“ (2007) – starke Anleihen beim Kino genommen. „Macbeth“ nun entfaltet sie als äußere Folie, nicht aber als die Analyse einer Seele, in der sich Traum, Wahn und Wirklichkeit, Es, Ich und Über-Ich heillos verwirren.

Das Théâtre du Soleil feiert seinen 50. Geburtstag Ende Mai. Wenn Ariane Mnouchkine zu Shakespeare zurückkehrt, dann kommt sie dabei auch zu ihren Anfängen als Theaterregisseurin zurück und in das Land des großen Klassikers, an dessen 450. Geburtstag die Welt in diesem Jahr erinnert. Nach ihrer Schulausbildung studierte die Tochter des russischen Filmproduzenten Alexandre Mnouchkine zunächst in Oxford Englisch. Dort arbeitete sie an ihrer Neuübersetzung des Macbeth. Ende der Fünfzigerjahre war sie an der legendären Universität in die studentische Theatertruppe eingetreten. In Paris, im Mai 1964, rief sie zusammen mit einigen Mitstreitern das ungewöhnlichste Theaterkollektiv Frankreichs, ja Europas ins Leben. Aus Avantgarde wird Tradition. Als Produktionsgenossenschaft operiert das Théâtre du Soleil bis heute, mit einem Einheitsgehalt von 1800 Euro im Monat.

Der Griff nach der Macht. Macbeth bricht aus der Familienidylle aus und tötet Konkurrenten nach Belieben.
Der Griff nach der Macht. Macbeth bricht aus der Familienidylle aus und tötet Konkurrenten nach Belieben.Foto: Theátre du Soleil

Das Revolutionspanorama „1789“ war der erste große internationale Erfolg des Sonnentheaters, zehn Jahr später verzauberte ihr Shakespeare-Zyklus das Publikum. An die Aufführungen in der Deutschlandhalle erinnert man sich gern – an die Akteure, die Pferd und Reiter zugleich waren. Es war die Neuerfindung eines Theaters, das sich auf der Basis einer europäischen Dramaturgie in die unerschlossenen Räume des Welttheaters vorwagte. Die Trilogie königlichen Scheiterns war zugleich ein ungeheurer theatralischer Triumph. Angefeuert von asiatischen Theaterformen, die für die Regisseurin nach Reisen nach Japan und Indien ästhetischer Leitfaden waren, sprangen die Shakespeare-Figuren in bunten, wallenden Kostümen wie verzückt über die Bühne, fielen gewaltige Seidenprospekte flimmernd zu Boden und mit ihnen der Glanz vergehender Reiche.

Noch einmal zehn Jahre später eroberte Ariane Mnouchkine einen anderen Kontinent des Welttheaters. Sie stellte der „Orestie“ des Aischylos die aulische Iphigenie des Euripides voran und verschreckte damit im Dienst einer vollständigen Atriden-Chronik die Puristen. Ein Kampf der Geschlechter war da mit dem Tochteropfer des Schlachtenlenkers Agamemnon losgetreten, ein unerbittlicher, blutiger Streit, angefacht von einem Zwist der Götter. Auf der Erde und auf dem freien Spielfeld des Theaters war dem nur mit dem Tanz der Verzückung für Momente beizukommen. Diesmal gastierte das Soleil in Babelsberg.

Auch bei Molières „Tartuffe“ (1995), der in Berlin in der Arena Treptow Station machte, hat sie den alten akademischen Staub vom Stück geblasen und eine ungemein heutige dramaturgische Perspektive eröffnet. Der Frömmler und Betrüger Tartuffe macht sich im Dienste des islamischen Fundamentalismus im Haus eines Bürgers breit. Und dabei ist er, so zeigte Mnouchkines späte inszenatorische Wendung, nicht allein. Vor französischen Fundamentalisten musste das Theater während der Proben die Türen gut verschließen. Die glaubten einfach nicht, dass hier wirklich nur Molières Text gesprochen wurde.

Zwischen die großen klassischen Stoffe schob Ariane Mnouchkine stets zeitgenössische Erforschungen ihrer Freundin Hélène Cixous, die nun die Aufgabe hat, dem „Macbeth“ eine Entsprechung im 21. Jahrhundert zu finden; dieses Stück soll im nächsten Jahr herauskommen. Immer mehr bedient sich die Mnouchkine impressionistischer Kollagetechniken, spielt ihre Regie mit dem Melodramatischen. Aber auch dieses war immer im besten Sinne: Volkstheater.

Die Chefin hat im März ihren 75. Geburtstag gefeiert. Nun ist ihr Theater ein halbes Jahrhundert alt. Ariane Mnouchkine steht immer noch an den Toren der Cartoucherie und reißt die Karten ab, begrüßt die Zuschauer. So viel stolze Demut und Hingabe an das Theater gibt es nicht noch einmal.

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