Wie ist Thomas Hettche nun auf die Zwerge gekommen?

Seite 2 von 2
Thomas Hettches Roman "Pfaueninsel" : Die Würde der Zwergin
Erzähler mit vielen Tonlagen. Thomas Hettche.
Erzähler mit vielen Tonlagen. Thomas Hettche.Foto: Arno Burgi/dpa-bildfunk

Wie ist der in Berlin lebende Schriftsteller Thomas Hettche nun auf die Zwerge gekommen, fragt man sich. Schon der Einband des Buches, blausilbrig glänzend mit einem Pfauenauge, stellt eine optisch-haptische Verführung da. Eine Verführung, das 19. Jahrhundert mit all seinen Ereignissen und Geistesgrößen, Ideen und Erfindungen wie einen Landschaftsgarten zu besuchen: von Hegel, der oft zitiert wird, über Darwin bis Lenné, von den Befreiungskriegen gegen Napoleon bis zur Dampfmaschine, dem Eisenbahnbau und schließlich der Gründung des Deutschen Reiches.

Auf das historisch verbürgte Schicksal der kleinwüchsigen Marie stieß Hettche während eines Stipendiums in Berlin, noch bevor er debütierte. Man merkt dem Text die langwierigen, akribischen Recherchen an, auch das Ringen um die passende Form der Darstellung. Er suchte und fand – das romantische Kunstmärchen, vermengt mit Elementen des Staatsromans aus dem 18. Jahrhundert. Ein historischer Roman ist „Pfaueninsel“ ausdrücklich nicht.

Der nicht gerade großgewachsene Joseph Peter Lenné, Verfechter des geometrischen Landschaftsgartens mit Sichtachsen, stammte von einer belgischen Familie namens Le Neu oder Le Nain (der Zwerg) ab. Ihn stilisiert Hettche zu Maries Antipoden aus ästhetischen Beweggründen. Denn während sie ihr Ziehvater Ferdinand Fintelmann am liebsten an ein Spalier binden würde, damit sie gerade wachse, ist die Zwergin Lenné ein wahrer Dorn im Auge. Mit seinem Leitsatz „Denn nur die Schönheit ist überall ein gar willkommener Gast“ macht er ihr Angst, ihr Zuhause, in das sie einst als Kuriosum importiert wurde, zu verlieren: „Dass man sie Schlossfräulein nannte, war nichts als ein Maskenspiel in der Spielzeugwelt der Pfaueninsel.“

Wie das Hoffräulein mit großer Lust seine Festtagsgewänder aus Seide, Brokat, Damast anlegt, schlüpft Thomas Hettche in ein vollendetes Sprachkleid aus dem 19. Jahrhundert. Da wird ein Königsmund „zu karpfenhaftem Schweigen geschürzt“, und für die emsigen Inselgärtner gilt es, „Himbeeren und Feigen im Winter sorgsam einzuhausen“.

„Pfaueninsel“ ist aber nicht zuletzt der Roman der tragischen, weil ungleichen Liebe zwischen Marie und Gustav. Der gemeinsame Sohn wird ihr noch als Säugling weggenommen, was sie zerbrechen lässt. In diesen Passagen betreibt der Autor eine vollendete Fontane-Mimikry, man denke nur an „Irrungen, Wirrungen“ (1888): Beide Werke verbindet das Motiv der Entsagung, die „bodenlose Ruhe der Resignation“.

„Wie erzählt man, wenn Zeit erzählt werden soll?“, lautet die Grundfrage dieses Romans. Und davon abgeleitet: Welche Färbung nimmt die Zeit durch das Erzählen ein? Bereits in einem Essay von 1997 hatte sich Hettche mit dem Sehen beschäftigt, das für ihn zu den „glänzenden und farbigen Dingen"“ gehört. Reflexionen über Blicke und Liebe, über weibliche Würde, über ein preußisches Jahrhundert und wie sich das Individuum Marie darin bewegt: All dies materialisiert sich wundersam „an diesem Ort, der doch noch im alten Zauber steht“.

Botanik und Sentiment, Theorie und Sinnlichkeit gehen in „Pfaueninsel“ eine Verbindung ein, die auf unerwartete Weise das Heute spiegelt und die Leserin, den Leser einer literarischen Osmose sondergleichen unterzieht.

Artikel auf einer Seite lesen
Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!