Till Brönner spielt in Berlin : Santa Silberklang

"Stille Nacht" und "Last Christmas" müssen sein: Jazztrompeter Till Brönner macht es sich in Berlin auf seiner „Better than Christmas“-Tour gemütlich.

Festtagsfanfaren. Till Brönner auf "Better than Christmas"-Tour. Im Hintergrund Schlagzeuger David Haynes.
Festtagsfanfaren. Till Brönner auf "Better than Christmas"-Tour. Im Hintergrund Schlagzeuger David Haynes.Foto: imago images/localpic

Na, endlich. Nach der Pause steigt die Betriebstemperatur. Im ersten Set des Konzerts gehen Till Brönner und sein Septett so unterspannt und routiniert zu Werke, dass man eine Rohrleitung von der Bühne der Verti Music Hall zum „Punsch-Wald“ auf dem Mercedes-Benz-Platz legen möchte. Ein paar Humpen Glühwein würden die Spielfreude des Trompeters und seiner Begleiter sicher befeuern.
Doch bei Brönners Version von „Let It Snow“, die als Up-Tempo-Swingnummer in Mini-Big-Band-Sound losrollt und nach diversen Soli in einen glänzend druckvollen Schlagabtausch zwischen Trompete und Tenorsaxofon (Mark Wyand) mündet, braucht es dann keine Weihnachtsdrogen mehr. Da kommt Deutschlands schönster, bestgekleidetster und erfolgreichster Jazzmusiker dann endlich etwas in Hitze. Ins Transpirieren sozusagen, nicht ins Schwitzen, das passt besser zu dem von Barack Obama sogar schon zu einen Konzert ins Weiße Haus eingeladenen Schwiegermutterliebling aus Berlin-Charlottenburg.
„Ich haben großen Respekt davor, dass Sie im November schon zu einem Weihnachtsprogramm kommen“, charmiert der Gastgeber die nahezu ausverkaufte Halle. Aus gutem Grund. „The Christmas Album“, Till Brönners Beitrag zu kuscheliger Festtagsstimmung und klingender Festtagsmünze stammt bereits aus dem Jahr 2007.

„Sie haben uns überredet, damit nun endlich auf Tour zu gehen“, wendet sich der Musiker an die Fans. Prompt stellt man sich große Postsäcke voller Wunschzettel vor, die im Weihnachtspostamt Himmelpfort vom Weihnachtsmann an Till Brönner weitergeleitet werden mussten.
Album wie Konzert versammeln saisonale Volkslieder, Jazzstandards und Popnummern. Darunter auch solche, die wie Henry Mancinis schöne Schnulze „Moon River“ aus dem Film „Frühstück bei Tiffany“ und das durch Nat King Cole bekannt gewordene „Nature Boy“ nur in Brönners eigenen Weihnachtskanon gehören.

Der ironische Ton des Weihnachtsskeptikers hält nicht an

„Santa Claus Is Coming To Town“ ist dagegen eine Nullachtfuffzehn-Kindermelodie. Till Brönner intoniert sie eingangs betont schlicht und wandert dabei durchs Publikum. Diesen ironischen Ton des Weihnachtsskeptikers, der auch in der als Zugabe gespielten Eigenkomposition „Christmas Is Never The Way It Should Be“ vorherrscht, hält er jedoch genauso wenig durch wie das Sentiment der Silvesterhymne „Auld Lang Syne“.
Ob Brönner die unausweichlichen Jahresend-Melodien nun liebt oder hasst, ist dem anderthalbstündigen Totensonntagsabend nicht abzulauschen. Neutralität gilt in der Kunst aber nicht. Die braucht ein wenig Dringlichkeit. Und sei es nur die, als Jazzmusiker, der keinerlei Angst vor Mainstreampop und Streicherkonserven-Kitsch hat, Eintrittskarten verkaufen zu wollen.
„Sie wissen ja, ich bin kein großer Sänger“, kokettiert der virtuose Trompeter. Ein Understatement, das im Bühnennebel verpufft. Jede und jeder kennt Brönner auch als Sänger. Statt Yvonne Catterfeld und Curtis Stigers, die zu den Gästen des Albums zählen, hat er sich als Vorsänger Frank McComb eingeladen.

"Another Day" ist ein Supersong - und gar nicht weihnachtlich

Die Stimme des Soulmans aus Los Angeles verfügt über samtige Tiefen, dünnes Falsett und einen guten Schuss Stevie Wonder. Der kommt besonders in der funkigen R’n’B-Nummer „Another Day“ zum Ausdruck, die Frank McComb 1997 im Fusion-Projekt Buckshot LeFonque zusammen mit dem Saxofonisten Branford Marsalis geschrieben hat. Bandleader Brönner, der die Truppe und Solisten stets kollegial vorstellt, überlässt ihm dafür die Bühne. Super. Und so gar nicht weihnachtlich.
Was sich von „Silent Night“ und „Last Christmas“ nicht sagen lässt, die der Trompeter als jeweils „bekanntestes“ und „erfolgreichstes“ Weihnachtslied nicht auslassen mag. „Stille Nacht“ rauscht wie ein D-Zug als merkwürdig kühle Samba-Version vorbei. Und der Wham!-Kaufhaus-Klassiker als nett-langweilige Spaßversion, die alle Musiker, die gerade die Lippen frei haben, mitsingen. Till Brönner mag Recht haben: Weihnachten ist nicht immer so, wie es sein sollte. Dasselbe lässt sich auch von Weihnachtskonzerten sagen.

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