"Tolkien" von Dome Karukoski : Das Spiel der Schatten

Herr der Sprache, Herr der Bilder, Herr der Ringe: Dome Karukoskis „Tolkien“-Filmbiografie.

Simon Rayss
Nicolas Hoult als der junge Tolkien in Karukoskis Film.
Nicolas Hoult als der junge Tolkien in Karukoskis Film.Foto: Verleih

Zwischen Rockstar-Biopics über Freddie Mercury und Elton John wirkt der englische Philologie-Nerd mit Pfeife und Tweedjacke, der schon in seiner Jugend eine eigene Sprache erfunden hat, unscheinbar. Dabei ist J. R. R. Tolkien für einige der größten Blockbuster der vergangenen zwanzig Jahre verantwortlich. Da kann Hollywood im derzeitigen Biopic-Boom schlecht widerstehen.

Von John Ronald Reuel Tolkien (1892–1973) stammt mit „Der Herr der Ringe“ nicht nur die bekannteste Fantasy-Saga der Literaturgeschichte. Er kämpfte auch im Ersten Weltkrieg, erkrankte an der Front am Fleckfieber und kehrte zurück in die Arme seiner Jugendliebe, die eigentlich einem anderen versprochen war. Viel Stoff also für eine Kinoadaption, zumal der kulturelle Einfluss seiner „Hobbit“-Geschichten nach Marvels Superhelden-Kampagne ins Hintertreffen geraten ist.

Die Geschichte des Mittelerde-Schöpfers ist außerhalb von Tolkienisten-Kreisen kaum bekannt. Mit ihrer filmischen Umsetzung wurde der Finne Dome Karukoski betraut, der 2017 bereits mit der Filmbiografie „Tom of Finland“ Aufsehen erregt hatte. Darin erzählt er aus dem Leben des gleichnamigen Zeichners, der mit seinen pornografischen Männerbildern die schwule Lack-und-Leder-Ästhetik mitgeprägt hat. In seiner ersten Hollywood-Produktion nimmt sich Karukoski nun den eher spröden Fantasy-Autor vor.

Karukoski konzentriert sich auf dreißig Jahre im Leben Tolkiens

Er verknüpft Tolkiens Werdegang mit Anspielungen auf die Bilderwelt, die den Leserinnen seit Veröffentlichung der „Herr der Ringe“-Bände 1954 und 1955 vertraut geworden ist und die sich knapp fünfzig Jahre später mit der Filmtrilogie auch noch ins kollektive Kinogedächtnis eingebrannt hat. Karukoski widersteht der Versuchung, das gesamte Leben des Autors abbilden zu wollen. Er konzentriert sich auf dreißig Jahre: vom Ende von Tolkiens Kindheit in einem Dorf im Herzen Englands bis zu dem Moment, in dem er die Arbeit an „Der Hobbit“ beginnt, seinem späteren Durchbruch.

Auf dieser Zeitachse bewegt sich „Tolkien“ vor und zurück: Vom Heranwachsenden und Oxford-Studenten geht es immer wieder an die Front der Somme, wo sich der Unterleutnant Tolkien im Fieberdelirium auf die Suche nach einem verschollenen Freund macht. Mit Sinn für visuelle Finessen illustriert Karukoski, wo Tolkien Inspiration für seine Bücher gefunden haben mag. Der Film setzt dabei mehrere Bildebenen zueinander ins Verhältnis: die Erlebniswelt des Schriftstellers und das, was seine Fantasie daraus macht, mit der visuellen Vorprägung, die das Publikum mit ins Kino bringt.

Hier geht es auch um die Ursprünge des Films: das gute alte Geschichtenerzählen im Kerzenschein

So erinnern die grünen Hügel rund um das Dorf im Worcestershire, in dem Tolkien aufwuchs, ans Auenland, die Heimat seiner Hobbits. Wenn im rußbeschmutzten Birmingham die Schornsteine rauchen und die Hochöfen lodern, sieht das nach dem frühindustriellen Ambiente von Isengard aus, wo in den Büchern ein verräterischer Zauberer eine Armee gemeiner Orks heranzüchtet. Die Kraterlandschaft der Somme wiederum, mit ihren blutroten Tümpeln und ineinander verrenkten Leibern, gemahnt nicht nur an die Höllenbilder von Hieronymus Bosch, sondern auch an Mordor, die Heimat des ultimativen „Herr der Ringe“-Widersachers Sauron. In den Nebelschwaden des Gasangriffs halluziniert der Soldat Tolkien (Nicholas Hoult) einen feuerspeienden Drachen herbei, kurz bevor sich das Untier in den Flammenwerfer der deutschen Angreifer verwandelt.

Doch der Film begnügt sich nicht damit, den Wegen der Tolkien’schen Eingebung nachzuspüren. Er will auch von der Macht der Sprache erzählen – und der bewegten Bilder. Wenn Tolkiens Mutter (Laura Donnelly) aus alten Sagen vorliest und so die Fantasie des noch kindlichen Schriftstellers ankurbelt, inszeniert der Film die eigenen Ursprünge: das gute alte Geschichtenerzählen im Kerzenschein. Im Spiel der Schatten auf der Wand erscheinen für Momente die Figuren, die Tolkien später zu Weltruhm verhelfen sollen, vom Magier bis zur Riesenspinne.

Solche Details machen dieses klassisch erzählte Biopic sympathisch. Selbst wenn „Tolkien“ die weniger subtilen Überwältigungsmittel des Kinos zur Genüge bemüht, umweht es der Geist des Gestrigen. Weltkriegsschlacht in Zeitlupe, englische Landschaften mit berankten Gemäuern, eine Liebesgeschichte zu zuckriger Musik: Mit den CGI-Gewittern der Marvel-Verfilmungen hat das wenig gemein.

Doch während sich „Avengers: Endgame“ anschickt, mit bald drei Milliarden Dollar Einnahmen erfolgreichster Film aller Zeiten zu werden, hat „Tolkien“ noch nicht einmal die Hälfte seiner Produktionskosten eingespielt. Da wird sich wohl so bald kein Hollywood-Studio mehr an ein Biopic über einen Philologieprofessor wagen.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!