Tom Waits wird 70 : Einer mit Herz

Vom Türsteher zur Kunstfigur: ein Tusch für den unvergleichlichen Songwriter, Sänger und Schauspieler Tom Waits zum 70. Geburtstag.

Coffee and Cigarettes. Tom Waits quarzt sich 2003 durch Jim Jarmuschs gleichnamigen Film.
Coffee and Cigarettes. Tom Waits quarzt sich 2003 durch Jim Jarmuschs gleichnamigen Film.Foto: imago

Als er jung war, wollte er nichts dringlicher, als ein alter Mann zu sein, mit schwerem Mantel, bedrohlich hinkend, nur nicht das Kind eines im Suff verschwundenen Vaters und auch kein cooler Teenager. Tom Waits, der Legende nach am 7. Dezember 1949 auf dem Rücksitz eines Taxis in Kalifornien geboren, ging sein Leben quasi rückwärts an. Er lag immer etwas neben der Zeit, schwärmte für Sinatra und den Blues – und musste als junger Songwriter im Vorprogramm von Frank Zappa erfahren, was ein hasserfülltes Publikum ist.

Waits lernte sich zu wappnen. Er umgab seine Songs, die er als Türsteher Nachteulen und Abstürzenden abgelauscht hatte, mit einem dichten Ring aus Alkohol und Nikotin. Seine Stimme trieb er erbarmungslos ins Geräuschhafte, seine Anekdoten ins Zynische. So entstanden jene Brawlers (Krakeeler), Bawlers (Heulbojen) und Bastards (Bastarde), denen das Tripel-Album „Orphans“ gewidmet ist. Unter steigendem Alkoholeinfluss wuchs sich Waits’ natürliches Widerstandsvermögen zu einem Groll aus, der alles zu verschlingen drohte. Erst als er 1980 während der Dreharbeiten zu Francis Ford Coppolas Film „Einer mit Herz“ Kathleen Brennan kennenlernte, gelang dem Musiker der endgültige Sprung von der Gosse zur Kunstfigur.

Zum Geburtstag gratulieren Sängerinnen, die Waits' Songs singen

Für seine verschworenen Anhänger steht Waits noch immer irgendwo vor einer Spelunke im bitteren Mondlicht und singt rückhaltlos wie kein anderer von Herzens- und Lebensbrüchen. Ihr Idol flüchtet sich vor dieser Umarmung in ironische Selbstinterviews wie sein Geistesverwandter Glenn Gould, der 1982 verstorbene Pianist. Mit ihm verbindet ihn auch der voranschreitende Rückzug vom klassischen Tourneegeschäft. Parallel zum Familienleben auf dem Land entstand zusammen mit Kathleen Brennan ein immer perkussiverer Sound, die Stimme dringt Hühner aufscheuchend aus dem Megafon. Die letzte Platte „Bad As Me“ erschien 2011, zum Geburtstag gratulieren auf „Come On Up To The House – Women Sing Waits“ unter anderem Aimee Mann und Rosanne Cash.

Wer Waits unterschätzt, hat es schwer. Das musste schon Iggy Pop in Jim Jarmuschs Episodenfilm „Coffee and Cigarettes“ erfahren. Im Western „The Ballad of Buster Scruggs“ der Coen-Brüder ist Waits 2018 dann endlich ein alter Mann in schwerem Mantel. Er spielt einen Goldgräber, der sich ein Liedchen singt, einen ordentlichen Brocken findet und den Schuss in den Rücken überlebt. So, wie er es sich immer gewünscht hat. Also die Schwertfischposaunen angesetzt, die Knochenmühle gestartet und aufs betrunkene Klavier gehauen!

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