Saraceno interessieren Strukturen und Vernetzungen

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Tomás Saracenos Spinneninstallationen : Die Kunst-Spinner

Vor zwei Jahren bespielte er in einer sphärisch-futuristischen Landschaft aus 20 zum Teil zu erkletternden, durchsichtigen Ballonen, die große Halle im Hamburger Bahnhof. „Cloud Cities“ war eine verwegene Vision zukünftigen Wohnens in Wolkenstädten, in schwebenden und vernetzten Raumkapseln. Ähnliches ließ der Künstler noch einmal auf dem Dach des Metropolitan Museums of Modern Art in New York errichten.

„Ich verehre die Arbeit von Frei Otto“, sagt Saraceno. Der deutsche Architekt hatte sich in den siebziger Jahren für die Dachkonstruktion des Münchner Olympiastadions an der Oberflächenspannung von Seifenblasen orientiert. Auch Saraceno hat erst Architektur studiert, bevor er als Städelschüler nach Frankfurt am Main kam. Und so ist seine Herangehensweise interdisziplinär, eine Mischung aus Design, Naturwissenschaft und der Unerschrockenheit der freien Kunst. „Ich sehe mich als Dirigent eines Orchesters“, sagt Saraceno. Er arbeitet nicht nur mit Arachnologen, sondern auch mit Raumfahrt- Wissenschaftlern der NASA und war Artist in Residence am MIT Center for Art, Science Technology in Cambridge, Massachusetts. Bei allem internationalen Erfolg ist er ein zurückhaltender, sympathischer Künstler geblieben. Kategorisierungen liegen ihm nicht „Architektur gibt es doch eigentlich überall“, findet er, „in der Poesie genauso wie in Computersystemen.“ Ihn interessieren vor allem Strukturen und Vernetzungen.

Ausstellung im Hamburger Bahnhof
Im Hamburger Bahnhof können sich Besucher ab dem 15. September den Traum vom Schweben erfüllen...Alle Bilder anzeigen
1 von 7Foto: dapd
15.09.2011 08:05Im Hamburger Bahnhof können sich Besucher ab dem 15. September den Traum vom Schweben erfüllen...

Freiheit im Denken

Teile eines Flugkörpers hängen in Saracenos Studio, das er gerade erst neu bezogen hat. Die glitzernde Folie spiegelt das Licht, seine Mitarbeiter müssen den Kopf einziehen, weil eine Spitze des Drachens gefährlich in den Raum ragt. Nur zwei durch das Atelier tapsende Hunde kommen problemlos darunter hinweg. Es ist ein beschaulicher Ort. Hier träumt Saraceno vom Fliegen. Der Drachen ist die Vorstufe eines Solar-Ballons, der einmal die Welt umrunden soll – über alle Landes- und Kulturgrenzen hinweg. Letztlich geht es Saraceno, bei allem, was er austüftelt, um eine auf der Mikro- und Makroebene vernetzte Welt. „Ich arbeite spielerisch“, sagt er. Klagen über den Zustand der Gesellschaft gibt es bei ihm nicht, nur Freiheit im Denken. Sein Beitrag in der Vanitas-Ausstellung ist einer der optimistischsten überhaupt. Bedenke, dass alles möglich ist.

Georg-Kolbe-Museum, Sensburger Allee 25, bis 31. August, Di–So 10–18 Uhr

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