• „Totart Tatort“ im Schauspielhaus Zürich: Herbert Fritsch verpasst dem "Tatort" eine surreale Wurzelbehandlung

„Totart Tatort“ im Schauspielhaus Zürich : Herbert Fritsch verpasst dem "Tatort" eine surreale Wurzelbehandlung

Spektakulärer gestorben wurde nie: King of Komik Herbert Fritsch nimmt sich in Zürich mit „Totart Tatort“ das Sonntagabendheiligtum des deutschen Fernsehens vor.

Der Kommissar geht um. Markus Scheumann im Vordergrund, hinter ihm das weitere Ensemble.
Der Kommissar geht um. Markus Scheumann im Vordergrund, hinter ihm das weitere Ensemble.Foto: Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Breitbeinig steht der Schauspieler Wolfram Koch an der Rampe des Zürcher Schauspielhauses. Lässig von seinem Trenchcoat umweht, rückt er sich das 50er-Jahre-Hütchen zurecht und verzieht das Gesicht zu einem Siegergrinsen. Schließlich hat er gerade kriminelle Schwerstarbeit geleistet. Das Mordopfer mit dem Marilyn-Monroe-Charme, das er in einer stilechten Hollywood-Umarmung hingemeuchelt hatte, liegt mausetot hinter ihm. Allerdings ist der Triumph nur von kurzer Dauer. Kaum dreht sich Koch um, hat sich Marilyn verdoppelt. Bald schieben sich die Leichen im Sekundentakt von hinten auf die Bühne. Wie im Grimmschen Märchen vom süßen Brei, der einfach nicht aufhören will, sich in die Stadt zu ergießen. Und Kochs mörderische Genugtuung weicht schierer Panik.

Am Slapstick-Nasenring über die Theaterbühne

In hochnotkomischen Verkrümmungen hüpft der Ausnahme-Schauspieler von einer Leiche zur nächsten. Schwitzend, verzweiflungskeuchend. Täter und Opfer, Killer und Kommissar – das sind frei fließende Identitäten in Herbert Fritschs „Totart Tatort“. Der Regisseur und das Ensemble hätten es sich leicht machen können. Denn was wäre wirkungssicherer am Slapstick-Nasenring über die Theaterbühne zu führen als der „Tatort“? Dieses Sonntagabendheiligtum des deutschsprachigen Fernsehens, zu dem zwar nicht jeder eine gute, aber immerhin eine Meinung hat? Einer wie Herbert Fritsch, dieser ungekrönte King of Komik, würde das mutmaßlich im Vorbeigehen erledigen.

Schön also, dass er dieser Versuchung nicht nachgegeben hat. Fritsch hat eine Art surreale Wurzelbehandlung im Sinn. Von Hitchcock über Wallace bis zum „Tatort“, irgendwo zwischen Humphrey Bogart, Fuchsberger, 007, Thiel und Börne suchen er und seine Akteure Muster: Archetypische Sätze und Szenen, die sie zu Loops verdichten und wie Partituren aufführen – akkompagniert vom kongenialen Musiker Ingo Günther.

„Ermordet?“, raunt sich das zehnköpfige Ensemble etwa immer wieder zu, das Victoria Behr diesmal in großartige Lauren-Bacall- und Tippi-Hedren-Gedächtniskostüme beziehungsweise Bogart-Trenchcoats gesteckt hat. Oder: „Die Putzfrau hat ihn gefunden.“ Aber: „Nein, Jochen war beim Sport!“ Genau wie diese Standardsätze werden auch klassische Bewegungsmuster gesampelt. Steilvorlagen wie jene oft unfreiwillig komische Schusswaffen-Choreografie zum Beispiel, mit der sich die „Tatort“-Kommissare seit Fernsehgedenken Zimmer für Zimmer in den Wohnungen der Verdächtigen vorarbeiten, lassen Fritsch und Co. sich selbstredend nicht entgehen. Und dass mit Wolfram Koch, der ja den Frankfurter „Tatort“ als Kriminalhauptkommissar Paul Brix bereichert, ein echter TV-Detektiv auf der Bühne steht, geht praktisch schon per se als Pointe durch.

Rennende Männerbeine

Komödiantischen Drive entwickeln außerdem rote Gummipistolen, die wie Flummis auf dem Bühnenboden hüpfen, oder illuster abgetrennte Schaumstoffgliedmaßen. Die werden in durchsichtigen Plastikhandtaschen auf imaginären Laufstegen spazieren getragen, als handele es sich um den letzten Schrei aus der Gucci-Kollektion. Schön ist auch, wenn Henrike Johanna Jörissen die Anschlussfähigkeit des Sonntagabend-Krimi-Klassikers an mehr oder weniger benachbarte Filmgenres testet, zum Beispiel an den Erotikthriller. Bevor sie in ihrem Marilyn-Outfit von Koch erwürgt wird, erzählt sie mit sexy Timbre in der Stimme den „Tatort“-Vorspann nach. Tatsächlich dürfte die Vorstellung vom „Auge im Fadenkreuz“ oder „rennenden Männerbeinen“ noch nie so verheißungsvoll geklungen haben.

Das Problem: Grenzenlos surreales Potenzial scheint dem Krimi-Genre nicht abzuringen zu sein. Vieles wiederholt, einiges dehnt sich. Das dürfte weniger an Fritschs nach wie vor hochnotkomischem Forscherdrang liegen als vielmehr am Gegenstand. Zwar hatte der Regisseur etwa bei „Murmel Murmel“ vor Jahren schon wesentlich überschaubareres Material zum Bühnenhit geformt: Der Abend kreiste ja in zig Varianten ausschließlich um die Vokabel „Murmel“. Aber für solche Höhenflüge sind "Tatort" und Co. als Vorlage offenbar nicht abgedreht, nicht surrealitätstauglich genug.

Die Bühne als Mitspielerin

Dennoch: Spektakulärer und variantenreicher gestorben als hier wurde im Theater garantiert noch nie – und im TV sowieso nicht. Wobei sich die vom Regisseur selbst entworfene Bühne als exzellente Mitspielerin erweist, ein nach hinten sich stark verjüngenden Bühnenkasten mit blau spiegelnden Wänden, an deren Ende eine schmale Öffnung in Türrahmen-Größe bleibt. Von dort quillt das Ensemble wechselweise als Leichen- oder aufgeregte Ermittlertruppe hervor. Und dorthin muss es am Ende des Abends auch wieder zurück. Jeder einzeln – um in einem akustisch angemessen dramatischen Schusswechsel das Leben auszuhauchen. Der eine verendet in einer Art Kaulquappentanz, die nächste im Dauerspagat, der übernächste im krebsartigen Rückwärtsgang. In solchen Momenten lassen Fritsch und Co. den kleinen Fernsehsonntagabend wirklich sehr weit hinter sich.

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