Kultur : Totenliebe

Rüdiger Schaper

Eine Jugend im Reich von Enver Hodscha – ein Alptraum! Männer, Frauen, Kinder verschwinden in Gefängnissen und Umerziehungslagern, die Versorgungslage ist bescheiden, ein falsches Wort, und die Existenz im steinzeitkommunistischen Paradies auf dem Balkan ist zerstört. Ornela Vorpsi, 1968 in Tirana geboren, verließ Anfang der neunziger Jahre ihr kleines Heimatland, wie so viele Albaner, wenn sie nur können. Vorpsis schmaler Roman „Das ewige Leben der Albaner“ – im Grunde eine Sammlung lose verbundener Shortstorys – erzählt von der Kindheit und Jugend eines Mädchens im Land der Skipetaren. Und weil die Kleine hübsch ist, wird sie von früh auf „Hure“ genannt. Denn zu den Segnungen des Hodscha-Regimes kommt der Machismo der albanischen Männer, den das abgeschlossene System so wunderbar konserviert wie Blutrache und Trinkgewohnheiten. Frauen sind Freiwild, und dass Ornela Vorpsi darüber so unterhaltsam schreibt, so ätzend und fast märchenhaft, macht das Bändchen zu einem Stück europäischer Literatur – aus einer Gegend, für die der albanische Großschriftsteller Ismael Kadaré – auch er lebt inzwischen, wie Vorpsi, in Paris – lange Zeit die exklusive Stimme war. Die Albaner, lernen wir bei Vorpsi, sind deswegen unsterblich, weil es sie und ihr Land in einem zivilisierten Europa eigentlich gar nicht geben kann. Denn auch nach dem Fall des heiligen Hodscha wirken die seltsamen Kräfte der albanischen Psyche fort, unter dem Nationalmotto: „Solange du lebst, hasse ich dich, sobald du tot bist, trauere ich um dich.“

Ornela Vorpsi : Das ewige Leben der Albaner. Roman. Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl. Zsolnay Verlag, Wien 2007. 140 Seiten, 14,90 €.

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