Trinksitten im öffentlichen Nahverkehr : Der Pappbecher macht einen Abgang? Gut so!

Der Anblick des Kaffeebechers in der Bahn wird seltener. Auch eine ganz alte Kulturtechnik könnte durch die Klimakrise wiederentdeckt werden. Eine Glosse.

Klimafreundlich. Ein wiederverwertbarer Kaffeebecher
Klimafreundlich. Ein wiederverwertbarer KaffeebecherFoto: Franziska Kraufmann/dpa

Täuscht das oder sind in der U-Bahn morgens neuerdings deutlich weniger Menschen mit Kaffeebechern unterwegs? Beim Durchschreiten des schwankenden Untergrundwurms Linie 7 fällt nur ein einziger Pappbecherhalter auf. Obwohl Berlinerinnen und Berliner 170 Millionen Einwegbecher im Jahr leerschlürfen.

Wäre ja super, wenn der moralische Druck, die Trinkscham, in Zeiten der Klimakrise unnützen Müll zu vermeiden, jetzt wieder zum Erlernen einer alten Kulturtechnik führt: dem heimischen Heißwasser bereiten.

Und wer das erstmal gepackt hat, optimiert sein persönliches Zeitmanagement leicht auch noch so weit, dass er Kaffee oder Tee am eigenen Küchentisch aus einer wiederverwendbaren Tasse trinkt.

Sicher, in Fernsehserien wie „Sex and the City“, die mit New York als Passepartout einst das Bild vom schicken, rastlosen Großstadtleben prägten, hat es solch uncoole Frühstückriten nie gegeben, aber das ist 15 Jahre her. Und die New Yorker Unsitte, teure Winz-Appartements ohne Nahrungsbereitungsgelegenheit anzubieten, wird sich hierzulande hoffentlich nie durchsetzen.

Vom Wasser erhitzen ist es nämlich nur ein kleiner Schritt zum eigenständigen Zubereiten von Speisen, auch Kochen genannt. Angeblich wird genau das ja von urbanen Mittzwanzigern derzeit wiederentdeckt. Prima Idee: Kochen ist ein Tausende Jahre alter zivilisatorischer Akt, der verlässlich zu Evolutionssprüngen führt.

Kochwettstreits mit grinsenden Zombies

Nicht nur, weil dann die Menschen im Untergrund nicht mehr auf den Verzehr vitaminarmer, nervenschädigender Döner angewiesen sind. Sondern auch, weil die seit zehn Jahren anhaltende Seuche der Kochshows im Fernsehen endlich ein Ende nimmt.

Die ist bekanntlich als mediale Kompensation schwindender bürgerlicher Kochkultur entstanden. Doch, wer im „Perfekten Dinner“ oder bei „Landfrauenküche“ nur einmal gesehen hat, wie Freunde, die sich aus Leichtsinn oder Geschäftstüchtigkeit an ihren vormals privaten Herd stellen, in diesem Kochwettstreiten zu grinsenden Zombies mutieren, die nur noch „Guten Appetit“ oder „Ich freue mich, dass ihr gekommen seid“ sagen, weiß Bescheid: Die Fernsehkocherei und ihre schleimige Gastgeberitis zersetzt die identitätsstiftenden Ess-Sitten der Gesellschaft gründlicher als es der Bofrost-Mann je vermocht hat.

Umso seliger ist das Wiederaufbrühen des häuslichen Frühstücksgetränks, das durch die Verbreitung des mobilen Gebräus aus „Togo“, wie Pappbecherkaffee häufig auf Bäckereischildern heißt, so in Vergessenheit geriet.

Kurz vor dem Bahnhof Mehringdamm wird das morgendliche Sinnieren plötzlich durch die Sitznachbarin gestört. Wild kramt sie im Rucksack, um schließlich mit einem Seufzer der Erleichterung einen XL-Kaffeebecher zu Tage zu fördern. Arrgh! Zu früh gefreut. Die „Berlin Angst“ vor dem sofortigen Verdurstungstod ist doch noch nicht ausgestanden. Immerhin, sie umklammert einen Edelstahl-Pott. 

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