Trio Catch im Porträt : In ihren Stücken geht es zur Sache

Die drei Musikerinnen von Trio Catch spielen mit den Grenzen ihrer Instrumente. Und sie haben eine Mission: Neue Musik wieder zugänglich machen.

Wild und frei. Das Trio Catch wurde vor neun Jahren in Hamburg gegründet. Boglárka Pecze spielt Klarinette, Eva Boesch Cello und Sun-Young Nam Klavier.
Wild und frei. Das Trio Catch wurde vor neun Jahren in Hamburg gegründet. Boglárka Pecze spielt Klarinette, Eva Boesch Cello und...Foto: Lennard Rühle

„Klassik mal anders“ hat Konjunktur. Derzeit werben wieder diverse Veranstalter mit dem Label um junge Kundschaft. Die Neue Philharmonie Westfalen bringt den „Totensonntag mal anders“, Mannheim „B-A-C-H mal anders“, das WDR Sinfonieorchester hat gleich eine ganze Reihe „Klassik mal anders“ im Programm.

Häufig sind das Mogelpackungen, die recht gewöhnliche Mottokonzerte mit ein bisschen Marketingkonfetti tarnen. Und überhaupt: Muss sich die Klassikszene so kleinmachen? Ist die Musik von Bach, Liszt und Lachenmann wirklich nur „cool“, „hip“ und „edgy“, wenn sie „anders“ ist?

Eine Truppe, die ihre Musik nicht „anders“, aber doch auf ganz eigene Weise macht, ist das Trio Catch. Boglárka Pecze an der Klarinette, Eva Boesch am Cello und Sun-Young Nam am Klavier sind Spezialistinnen für Neue Musik. In den Stücken, die sie aufführen, geht es zur Sache. Viel Geräusch, perkussive Elemente, ein Spiel mit den Grenzen ihrer Instrumente. Kommt man von eleganter, „klassischer“ Melodieführung à la Haydn oder Mozart, kann das irritieren.

Man muss sich auf diese Musik einlassen – und das geht natürlich leichter, wenn man an der Hand genommen wird. „Ohrknacker“ nennen Trio Catch ein Konzertformat, das genau das erreichen soll. Der Trick: Ein „Ohrknacker“-Abend konzentriert sich auf eine einzige Komposition. Die Musikerinnen spielen sie zweimal im Laufe des Abends.

Zwischen dem ersten und zweiten Durchlauf tauschen sich die drei mit dem Publikum aus. „Bei uns gibt es nicht so eine Distanz zwischen Musikern und Publikum“, erläutert Sun-Young Nam. „Wir sitzen sehr nah bei den Leuten und reden mit ihnen. So wird Neue Musik etwas ganz Natürliches und nicht so fern und fremd vom alltäglichen Erleben.“

Das Publikum wird nach vorne gebeten

Seit 2018 sind die Musikerinnen regelmäßig im Berliner Radialsystem zu Gast. Am Montag präsentieren die drei einen „Ohrknacker“ im Studio C des Kulturzentrums. Der kleine Saal steht voller weißer Stühle und grauer Stoffhocker. Hinten lockt eine Bar, vorne die Pulte der Musikerinnen und der Flügel.

Das intime Ambiente passt wunderbar zu den Musikerinnen und ihrem Format. Und es passt zur Komposition des Abends. „Surge“ von Katharina Rosenberger ist ein dynamisches Spiel mit Klang und Ton. Immer wieder bleibt der Fluss der Musik abrupt stehen, setzt sich erneut in Bewegung, zuckt wild, zergeht.

Die Töne und Geräusche von Bassklarinette, präpariertem Flügel und Cello sind merkwürdig ambivalent, gehen von einem Instrument scheinbar bruchlos ins andere über. Die drei schaffen einen Ensembleklang, der ein imposantes Spektrum an Ton und Geräusch durch ein präzise koordiniertes Pulsen bindet.

Nach dem ersten Durchgang gesellt sich Komponistin Katharina Rosenberger selbst zu den Musikerinnen. Für das Konzert im Radialsystem ist die Endvierzigerin aus Los Angeles eingeflogen. Im Dialog mit der gebürtigen Österreicherin erklären die drei Musikerinnen dem Publikum, wie sie all die Slaps, Tappings, Pizzicati oder Zungenschnalzer an ihren Instrumenten produzieren.

Sun-Young Nam bittet das Publikum sogar nach vorne. Ganz aus der Nähe können die gut zwei Dutzend Zuhörer sehen, wie Nam einzelne Saiten mit Uhu-Klepepads abdämpft, mit den BahnCards ihrer Kolleginnen Flageolett-artige Töne produziert oder ganze Register mit Alufolien-Platten bedeckt.

Das Elektronische ins Analoge übertragen

„Ich dachte an einen fortwährenden Energiestrom“, erklärt Rosenberger die Idee hinter ihrem Stück. Dabei hat sie sich eng an Arbeiten mit elektronischer Musik orientiert. So bringt sie etwa Sampling, also das Verändern des Klangs durch Filter, ins Stück ein. Einzelne Motive wiederholen und modifizieren sich in rasantem Tempo.

„Ich habe versucht, die elektronische Musik ins Analoge zu übertragen“, sagt sie. Die Musikerinnen verdeutlichen Rosenbergers Erläuterungen und spielen besonders prägnante Stellen noch einmal einzeln vor.

[Das nächste Trio-Catch-Konzert im Radialsystem findet am 20. Januar statt, 20 Uhr. Gespielt wird Musik des tschechischen Komponisten Jakub Rataj.]

Schließlich folgt der zweite Durchgang des Abends. Wieder drängt sich der flusshafte Charakter des Stücks auf. Ein Strom, der ausufert, versiegt, sich aufbäumt. Deutlicher als beim ersten Hören zeigen sich die Kompositionspartikel.

Einzelne Motive blitzen auf, changieren in vielfarbigem Geräuschgewand. Auch erkennen Auge und Ohr mehr von der virtuosen Vielheit an Bewegungen und Aktionen, die die Musikerinnen zeitgleich oder in rasender Schnelligkeit vollführen müssen.

Kaum mehr als zehn Minuten braucht es, bis der letzte Atemzug Boglárka Peczes verklingt. Das Publikum applaudiert begeistert. Für das Trio Catch braucht Klassik kein „mal anders“. Eine Erklärung reicht.

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