Trumps Corona-Krieger : Viel Feind, wenig Ehre

In der Pandemie verschärft Trump seine Kriegsrhetorik, um an der Macht zu bleiben, während das postheroische Deutschland auf Konsens setzt.

Trumps Vasallen. Schwerbewaffnete folgen dem Aufruf des US-Präsidenten, den Bundesstaat Michigan zu „befreien“. Dort setzt Gouverneurin Gretchen Whitmer weiterhin auf Ausgangssperren im Kampf gegen Corona.
Trumps Vasallen. Schwerbewaffnete folgen dem Aufruf des US-Präsidenten, den Bundesstaat Michigan zu „befreien“. Dort setzt...Foto: AFP

Der Sound klingt wie aus einer anderen Zeit. Und einer anderen Welt. „The American People are WARRIORS!“, twitterte Donald Trump diese Woche. Die fünf Worte mit dem in Großbuchstaben gesetzten Schlüsselbegriff KRIEGER sind das Konzentrat einer Rhetorik, die sich über die letzten Wochen immer mehr in den militärischen Jargon verschoben hat. Zu Beginn der Coronakrise waren Rettungssanitäter, Krankenschwestern und Ärzte auch in den USA „Heroes“ gewesen – „Helden“.

Ein Wort, das selbst Deutsche, die generell dem Pathos und dem Heldentum abgeneigt sind, in der Pandemie gebrauchen. Inzwischen hat Trump auch Krankenschwestern zu „Warriors“ erklärt. Mit dem Begriff beschwört Trump das ikonische Bild des Uncle Sam, der mit ausgestrecktem Zeigefinger jede und jeden in die moralische Pflicht nimmt und für das Vaterland rekrutiert: „I WANT YOU FOR U.S. ARMY.“

Mitte März, als die Zahl der Infizierten und der Toten stieg, hatte Trump begonnen, sich als „Wartime President“ zu definieren, als Kriegspräsident. Das Virus beschrieb er als einen „unsichtbaren Feind“, gegen den die Nation „in den Krieg ziehen“ müsse. Die Pandemie verlange nach einer Antwort, wie die USA sie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht gesehen haben.

„Blut, Schweiß und Tränen“-Sprache trifft auf Appelle an die Vernunft

Auf die meisten Deutschen wirkte die Kriegsrhetorik von Anfang an befremdlich. Sie reagierten irritiert, als der französische Präsident Emmanuel Macron im März proklamierte: „Nous sommes en guerre.“ – „Wir sind im Krieg.“ In Großbritannien machten Premier Boris Johnson und die Queen ebenfalls Anleihen bei der „Blut, Schweiß und Tränen“-Sprache Winston Churchills. Elizabeth II. erinnerte an ihre erste Radioansprache 1940 und appellierte an Disziplin, Selbstlosigkeit und Opferbereitschaft.

Es war ein Kontrast zu Angela Merkels nüchternem Appell an die Vernunft: „Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst.“ Deutsche begreifen Corona als eine Gefahr für die Gesundheit. Die Pandemie ist eine Herausforderung für die Disziplin der Zivilgesellschaft, kein kriegerischer Angriff, den man nur im mentalen Verteidigungszustand besiegen kann.

Die unterschiedliche Rhetorik zur Mobilisierung der Bürger spiegelt die jeweiligen Geschichtsbilder. Worte wie Krieg, Heldentod und Militär haben für Deutsche einen anderen Klang als für Amerikaner, Briten, Franzosen. Die Deutschen haben einen verbrecherischen Krieg begonnen und verloren. Im Schatten des Kriegs begingen sie Völkermord. Für die Alliierten war der Krieg gegen Hitler gerecht, sie haben ihn gewonnen. Wenn sie den Sprachgebrauch von damals aufnehmen, ist er positiv besetzt. Für Deutsche negativ. Das erstreckt sich, selbst wenn es unausgesprochen bleibt, auch auf die Opfer. Amerikaner ehren die jungen Soldaten, die im Krieg gegen Hitler fielen, als „Greatest Generation“. Ihre Opfer haben sich gelohnt. Sie haben die Nation gerettet und sie triumphieren lassen. Für die Deutschen waren die eigenen Opfer im Rückblick sinnlos.

Die Aussagen von Boris Palmer hätten in den USA keine Empörung ausgelöst

Trump verschweigt die Opfer, die sein Krieg gegen Corona kostet, nicht. Sein Aufruf, die Wirtschaft rasch zu öffnen, werde „schlimme Folgen für manche“ haben, sagt er unumwunden. Es wird noch mehr Tote geben. Doch wenn alle aus Angst zu Hause bleiben, sei das auch keine Lösung. Opfer seien unvermeidbar, wenn die USA eine ökonomische Zukunft haben wollen. Das Sterben gehört dazu. Da schwingt das utilitaristische Denken der Angelsachsen mit. Ist ein „Lockdown“, der einige Hunderttausend Ältere vor dem Corona-Tod schützen soll, gerechtfertigt, wenn er bereits über 30 Millionen Menschen den Job gekostet hat? Die Aussage des grünen Oberbürgermeisters von Tübingen, Boris Palmer – „Ich sage es Ihnen mal ganz brutal: Wir retten möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären, aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen“ – hätte in den USA keine breite Empörung ausgelöst.

Woche für Woche hat Trump die Kriegsrhetorik gesteigert. Als die Regierung Schutzkleidung und Beatmungsgeräte benötigte, bestellte er die nicht auf dem in Friedenszeiten üblichen Weg für zivile Güter. Er berief sich auf den „Defense Production Act“, der im Koreakrieg 1950 eingeführt worden war, um zivile Firmen zur militärischen Produktion zu verpflichten. In der Debatte Mitte April, wie zügig man die Ausgangsbeschränkungen wieder lockern könne, forderte Trump, seine Anhänger sollten zögerliche Bundesstaaten „befreien“: „LIBERATE MICHIGAN!“

Kurz vor dem 75. Jahrestag des Kriegsendes stellte Trump den „Warrior“ ins Zentrum seines sprachlichen Arsenals. „We have to be warriors. We can’t keep our country closed down for years.“ Kein Vergleich war jetzt mehr zu gewagt. Corona sei bedrohlicher als der japanische Angriff auf Pearl Harbor 1941 und bedrohlicher als der Terrorangriff 2001 auf das World Trade Center in New York. Präzedenzlos und unvergleichbar. „This is really the worst attack we’ve ever had.“ Über die politische Absicht seiner Rhetorik muss man nicht lange rätseln. In fünfeinhalb Monaten ist Wahltag. Die Bilanz des Trump’schen Corona-Managements ist nicht gerade überzeugend. Doch im „Krieg“ stellen sich die Bürger zumeist hinter ihre Regierenden.

Die Deutschen sind zu einer postheroischen Gesellschaft geworden

Nur: Verfängt die Kriegsrhetorik bei der Mehrheit der Amerikaner? Oder wirkt sie künstlich, wie Trump-Kritiker betonen? „Social Distancing“, die Hauptwaffe gegen die Ausbreitung des Virus, ist so ziemlich das Gegenteil vom Mut eines Kriegers, sich dem Feind im Nahkampf zu stellen. Auch die Krankenschwestern und die Konsumenten in den Läden, schauen, solange sie die Vorkehrungen ernst nehmen, nicht direkt dem Tod ins Auge.

Die militärische Sprache ist im zivilen Alltag der USA weit verbreitet. Anders als in Deutschland nimmt kaum jemand Anstoß daran. Zwar gibt es auch hierzulande Überreste dieser Rhetorik, zum Beispiel „Schießen Sie los …“ zu Beginn eines Gesprächs. Aber die amerikanische Floskel „shoot me an email“ wird nicht übernommen, ebenso wenig die Übung, politische Gegner im Wahlkampf mit einem Fadenkreuz zu markieren. Den Kampf gegen Terroristen nannten die USA „War on Terror“, in Deutschland „bekriegt“ man sie nicht. Man wehrt sie ab.

Die Deutschen sind, um mit dem Politologen Herfried Münkler zu sprechen, durch die Erfahrung der militärischen wie moralischen Niederlage zu einer „postheroischen Gesellschaft“ geworden. Vor Corona hätte wohl auch der inflationäre Gebrauch des „Heldentums“ Argwohn ausgelöst. Die Deutschen hielten es mit der Pointe des Dialogs aus Bertolt Brechts „Leben des Galilei“: Dort sagt Andrea: „Unglücklich das Land, das keine Helden hat.“ Worauf Galilei entgegnet: „Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“

Wenn die Krise bleibt, stößt Kriegsrhetorik irgendwann an ihre Grenze

Deutschland hat eine sich ganz unheroisch gebende Kanzlerin. Und eine Zivilgesellschaft, die in großer Mehrheit Merkels rationalem, unpathetischem Kurs folgt. Neuerdings werden freilich überall Alltagshelden gepriesen. Verschiebt sich da gerade etwas in Deutschland, weg vom Postheroischen?

Oder soll man es umgekehrt betrachten? Der Erfolg des postheroischen Umgangs mit der Pandemie in Deutschland wird auch in den heroischen Gesellschaften aufmerksam und mit einer Spur Neid verfolgt. Warum haben die Deutschen so niedrige Infizierten- und Totenzahlen – und was können wir von ihnen lernen? So fragen viele von Macrons Frankreich bis Trumps USA.

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Womöglich erleben heroische Gesellschaften in der Coronakrise die signifikantere Verschiebung des gesellschaftlichen Echos auf Kriegspathos. Eine Verschiebung in Richtung der postheroischen Haltung. Regierungen, die Krieg und Opferbereitschaft bemühen, haben in der Corona-Bilanz schlechter abgeschnitten als Länder wie Deutschland und Neuseeland, die betont zivil und gelassen kommunizieren. Wenn die Zahl der Toten, der Infizierten und der Arbeitslosen immer weiter steigt, stößt die Kriegsrhetorik irgendwann an ihre Grenze.

Das erfolgreiche Krisenmanagement hat Angela Merkel, die bereits als „Lame Duck“ galt, ein ungeahntes Comeback beschert, beobachten US-Medien. Zweidrittel der Deutschen finden ihren Kurs gut. Ähnlich in Südkorea, wo Präsident Moon vor einem Jahr politisch abgeschrieben war, nun aber die Wahl im Zeichen von Corona erdrutschartig gewann. In Neuseeland hat Regierungschefin Jacinda Ardern mit einem konsequenten Lockdown die Pandemie gestoppt und findet 87 Prozent Zustimmung.

Konsens-Gesellschaften tun sich während Corona leichter mit der Disziplin

Emmanuel Macron fehlt die breite Unterstützung. Die Briten mögen Boris Johnson als Person, seine Corona-Strategie sehen sie kritisch. In den USA lehnt eine knappe Mehrheit Donald Trumps Umgang mit der Pandemie ab, nur unter Republikanern bleibt er populär.

Da zeigt sich vielleicht ein Schlüssel zum Verständnis des Zusammenwirkens von Rhetorik, Corona-Strategie und öffentlicher Zustimmung. Regierungen, die schon vor der Pandemie ein zutiefst gespaltenes Land geführt haben, sind darin geübt, die Welt in Freund und Feind einzuteilen, um sich zu behaupten. Also folgten sie, als Corona kam, der Versuchung zur Kriegsrhetorik. Wegen dieser Strategie sind sie aber nicht in der Lage, ihre Gesellschaft in der Pandemie zu einigen und auf einen gemeinsamen Kurs einzuschwören. Gesellschaften hingegen, die schon zuvor den Konsens und den Interessenausgleich durch Kompromisse pflegten, tun sich leichter mit öffentlicher Disziplin gegen Corona.

Weil Merkel, ihre CDU und andere Parteien überwiegend auf Freund-Feind-Einteilungen verzichten, genießen sie breites Vertrauen. Dank dieses Vertrauens funktioniert der postheroische Umgang mit der Gefahr – ein Umgang, der auf rationale Überzeugung statt pathetische Zuspitzung setzt. Der Staat verfügt nicht über ausreichende Zwangsmittel, um die zur Pandemiebekämpfung nötige Disziplin gegen eine Mehrheit Widerstrebender durchzusetzen. Postheroische Gesellschaften handeln, wenn es gut läuft, aus Einsicht. Und nicht wegen Opfer-Pathos.

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