Türkische Satire im Kunstraum Bethanien : Vermummte Pinguine und Erdoğan als Kamel

Wer zuletzt lacht: Eine Schau im Kreuzberger Kunstraum Bethanien zeigt türkische Karikaturkunst aus den vergangenen 50 Jahren.

Humor unter Erdogan. Eine Karikatur von Hakan Karatas aus der Satirezeitschrift „Hortlak“ von 2016.
Humor unter Erdogan. Eine Karikatur von Hakan Karatas aus der Satirezeitschrift „Hortlak“ von 2016.Foto: Hakan Karatas

Als im Mai 2013 im Herzen Istanbuls die Gezi-Proteste begannen, watschelten im türkischen Fernsehen Pinguine über den Bildschirm. Statt live vom Taksim-Platz zu berichten, wo gerade eine Bewegung entstand, die das ganze Land erschüttern würde, zeigten viele Sender weiter ihr gewohntes Programm mit Kochsendungen und Quizshows. Oder eben alte Pinguin-Dokus, wie CNN Türk. Seitdem ist der Pinguin zum Symbol für den politischen Widerstand im Land geworden, auf Zeichnungen ist er vermummt und wirft mit Blumen nach Polizisten.

Das Tier ist auch Maskottchen der spannenden Ausstellung „Wir verrecken vor Lachen!“, die im Kunstraum Bethanien zu sehen ist. Die Schau feiert 50 Jahre türkische Karikaturkunst und gibt einen Einblick in das in der Türkei sehr einflussreiche Genre. Jeder Raum ist dabei einem anderen Thema gewidmet, von Sexualität über Graphic Novels bis hin zu den Gezi-Protesten. Eine Timeline im Eingangsbereich macht den Besucherinnen und Besuchern die Vielfalt türkischer Satirezeitschriften deutlich. Das erste Blatt, das mit seiner Mischung aus deftigem Humor und politischer Kritik nicht nur die Bildungselite, sondern die breite Masse erreichte, war „Girgir“ („Spaß“). Von 1972 bis 1989 erschien die Zeitschrift wöchentlich, in den 80er Jahren war sie neben der US-Publikation „Mad“ und dem UdSSR-Blatt „Krokodil“ das auflagenstärkste Satiremagazin weltweit. Noch heute orientieren sich die inzwischen stark dezimierten türkischen Satirezeitschriften an „Girgir“ als Vorbild.

Dass das Genre nicht mehr ganz so populär ist wie einst, liegt am Medienwandel, aber auch am Druck, der seitens der Politik in Erdoğans Türkei auf die Magazine ausgeübt wird. Viele Zeichnerinnen und Zeichner leben bereits im Exil. Die Kreuzberger Ausstellung widmet dem Thema staatlicher Repressionen einen eigenen Raum. Tritt man dort ein, sind zuerst nur große weiße Tafeln zu sehen. Auf ihnen stehen Beschreibungen von Karikaturen, die in der Türkei verboten wurden. Vorstellen muss sie sich jeder selbst.

Tiere spielen eine große Rolle

Nach einer Weile aber geht das Licht im Ausstellungsraum aus und Schwarzlicht macht bunte Karikaturen an den Wänden sichtbar. Darunter auch eine Zeichnung des Karikaturisten Musa Kart, der für die regierungskritische Zeitung „Cumhuriyet“ Präsident Erdoğan als Katze darstellt, die sich in einem Wollknäuel verwickelt hat – so wie der türkische Präsident in seinen Reden. Kart musste sich dafür vor Gericht verantworten und knapp 3000 Euro Strafe zahlen. Als Reaktion auf den Prozess veröffentlichte die Zeitschrift „Penguen“ einen Titel, der Erdoğan als Kamel, Kröte und Affen zeigt. Auch diese Zeichnung ist nur im Schwarzlicht zu sehen.

Tiere spielen nicht erst seit Erdoğans Feldzug gegen die Meinungsfreiheit eine wichtige Rolle in der türkischen Karikaturkunst, ihnen ist ein eigener Raum gewidmet. Ein weiterer Schwerpunkt sind deutsch-türkische Publikationen. Neben lustigen Missverständnissen geht es dort auch um die ernsthaften Probleme, die türkische Migranten in Deutschland hatten und haben. So zeigt eine Zeichnung ein Mädchen, das im Bett liegt und schläft. In einem Arm hält sie einen Teddybären, im anderen einen Feuerlöscher. Das Werk entstand nach dem rassistisch motivierten Brandanschlag von Solingen, bei dem 1993 fünf Menschen starben. Auch der NSU ist immer wieder Thema.

In der türkischen Karikaturlandschaft spielen inzwischen auch Frauen und Feminismus eine wichtige Rolle. Dafür steht das Satiremagazin „Bayan Yani“, in dem überwiegend Zeichnerinnen sich mit für Frauen relevanten Themen auseinandersetzen. In den Karikaturen und Comics, die im Kunstraum Kreuzberg zu sehen sind, geht es um Kinderhochzeiten, um Gewalt gegen Frauen oder Kopftuchdiskussionen. Ohne explizit auf Erdogan und seine Politik einzugehen, setzen sich die Zeichnerinnen für eine offene, gerechte Gesellschaft ein – und haben damit großen Erfolg. „Bayan Yani“ gehört heute zu den wenigen türkischen Karikaturzeitschriften, die noch regelmäßig erscheinen.

Kunstraum Kreuzberg / Bethanien, Mariannenplatz 2, bis 4. 11., Mo–So, 11–20 Uhr, Infos: www.kunstraumkreuzberg.de

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