Türkisches Drama „Sibel“ im Kino : Eine Frau bedroht die traditionelle Ordnung

Die unzähmbare Mähne als Sinnbild für Unabhängigkeit: Das Drama „Sibel“ über eine rebellische Frau in der türkischen Provinz.

Außenseiterin. Sibel (Damla Sönmez) will sich Respekt im Dorf verdienen.
Außenseiterin. Sibel (Damla Sönmez) will sich Respekt im Dorf verdienen.Foto: Arsenal

Die wilde Mähne ist ebenso wenig zu bändigen wie der Freiheitswille Sibels. Zwar hat sie sich die Haare zusammengebunden, aber Strähnen fallen ihr ins verschwitzte Gesicht, während sie mit einem Gewehr durch den Wald hetzt und eine Schlange im Unterholz verfolgt. Ihr heimliches Projekt ist eine Grube im Wald, in der sie einen Wolf zu fangen versucht, der angeblich die Gegend unsicher macht. Bisher hat keiner der Dorfbewohner das Tier gesehen. Aber die stumme junge Frau, die mithilfe einer entlang der Schwarzmeerküste verbreiteten Pfeifsprache kommuniziert, ist überzeugt davon, dass ihr Ansehen im Dorf steigt, wenn es ihr gelingt, den Wolf zu töten.

Ihr Kopftuch bindet sie sich wie eine Pfadfinderin lose um den Hals, nicht der einzige Grund, warum die anderen Frauen und Mädchen sie misstrauisch beäugen. „Binde dir dein Tuch richtig“, ermahnt sie der Vater (Emin Gürsoy), der Dorfbürgermeister, bevor sie sich auf den Weg zur täglichen Feldarbeit macht.

Damla Sönmez ist Schwäche und Stärke des Films

Die Haare junger Musliminnen sind in den vergangenen Jahren in westlichen Gesellschaften zu einem kontroversen Politikum geworden – auch im türkischen Kino. Im Arthouse-Hit „Mustang“ von 2016 müssen fünf Schwestern einen ganzen Sommer eingesperrt im Haus ihres Onkels verbringen, nachdem sie beim Baden mit einigen Jungen erwischt worden sind. Ihre langen dunklen Haare, attraktiv im warmen Gegenlicht gefilmt, werden zum Sinnbild für die Unabhängigkeit der Mädchen.

Çazla Zencirci und Guillaume Giovanetti knüpfen mit ihrem dritten gemeinsamen Film „Sibel“ an diesen Naturalismus an, verorten die Geschichte aber stärker im Reich der Märchen und Mythen. Sibel (Damla Sönmez) hat eine „böse“ Schwester, die sich mit den Traditionen arrangiert; nur der Vater, der unter dem Tod seiner Frau leidet, verteidigt die eigenwillige Tochter gegen die Anfeindungen der Dorfbewohner. Zencirci und Giovanetti spitzen diesen klassischen Konflikt zu, als Sibel einen unerwarteten Fang macht. Ali ist auf der Flucht vor dem Wehrdienst in ihre Grube gestürzt, nun fahndet die Polizei nach dem „Terroristen“. Die Sphären des Gesellschaftlichen, des Politischen und des Märchenhaften beginnen sich in „Sibel“ zu überlagern – nicht immer zum Vorteil der Geschichte, die die Grenzen zwischen Gut und Böse etwas zu eindeutig zieht, gerade was die Rolle der Frauen angeht.

Die Stärke des Films – und gleichzeitig seine Schwäche – ist Damla Sönmez, deren augenscheinliche Starqualitäten der Rolle des „Tomboy“ in der türkischen Provinz wenig Glaubwürdigkeit verleiht. Aber die 31-Jährige besitzt eine furiose Präsenz, die den leicht ätherischen Landschaftsaufnahmen eine andere Naturgewalt entgegenstellt. Sibels aufmüpfiger Blick und ihre offensive Körpersprache stellen eine Bedrohung der traditionellen Ordnung dar.

OmU: Babylon, Zukunft

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