Turbobier im SO 36 : Nostalgie und Nietenweste

Punk stirbt nie: Beim Konzert der österreichischen Band Turbobier im SO36 erlebt unser Autor sein musikalisches "Driving Home for Christmas".

Punkiges Weihnachten im Kreuzberger SO 36.
Punkiges Weihnachten im Kreuzberger SO 36.Foto: Dennis Gundlach/ddp

Die erste Frage, die man sich an diesem Freitagabend im SO 36 stellt, ist: Wo sind eigentlich all die Punks hin? Die echten Punker, überhaupt die ganzen Kaputtniks. Viele der Gäste sehen aus, als hätten sie zur Feier des Abends kurz vor Weihnachten mal eben ein altes Shirt einer Punkband aus dem elterlichen Schrank gefischt. Iro tragen höchstens zwei im Publikum. Irgendwie hatte man das anders in Erinnerung.

Aber eigentlich ist das ja Verklärung, die Wucht der Nostalgie beim Besuch des ersten Punkkonzerts seit fast zehn Jahren. Die richtigen Punker waren schließlich auch damals nicht bei Konzerten wie diesem, und wäre meine Mutter in Berlin, hätte ich selbst ein altes Band-Shirt aus ihrem Schrank gezogen für dieses musikalische „Driving home for Christmas“. Montreal aus Hamburg sind der Hauptact, doch viel wichtiger an diesem Abend ist die Vorband, nämlich Turbobier.

Zu „Chariots of Fire“ betritt die Band aus Wien-Simmering die Bühne. In Dunkelheit, wie sich das so gehört für richtige Rockstars. Als das Licht hochblitzt, sind dann endlich die Punks da, die einem die Erinnerung in den Kopf gezaubert hat. Röhrenjeans, Patronengürtel, Misfits-Patch auf der Jeansweste mit Nieten. Dann Riffs, hymnisches „Woohoo“, und als Sänger Marco Pogo vom kollektiven Trinken beim Feuerwehrfest singt, ist man gefühlsmäßig fast wieder 16 und in seiner Heimatstadt in Niederbayern.

Helene-Fischer-Cover „Arbeitslos durch den Tag“

Seit 2014 gibt es die Band Turbobier, und in Österreich sind die vier Musiker, gegen alle vermeintlichen Regeln, eine ernstzunehmende Größe in der musikalischen Landschaft. Ihr zweites Album „Das neue Festament“ schaffte es 2017 auf den ersten Platz der österreichischen Albumcharts. Das ZDF berichtete über sie, die „Bild“-Zeitung, die „Süddeutsche Zeitung“, und ORF und ATV sowieso.

Das liegt auch daran, dass Turbobier mehr sind als nur eine Band. Neben Alben verkaufen die vier Musiker ihr eigenes Bier, sie haben eine App mit dem Namen „Turbobier Bierrechner“ und ein Brettspiel mit dem Namen „Reparaturseidl“ veröffentlicht. 2015 hat Marco Pogo, der Sänger der Band, die Bierpartei Österreich (BPÖ) gegründet. Turbobier ist das, was Punkrock im besten Fall immer ist: selbstironisches Gesamtkonzept, erste anarchische Verunsicherung.

„Wer hat heute schon ein Bier getrunken?“, brüllt Marco Pogo nach dem zweiten Song ins Publikum. Antwort: alle. In weniger als einer Stunde prügeln die Musiker ihre Songs „Floschnpfand“ (Flaschenpfand), „I hoss olle Leit“ (Ich hasse alle Leute) und „Verliebt in einen Kiwara“ (Verliebt in einen Polizisten) ins Publikum. Absoluter Überdruck, kein Rückwärtsgang. Bei ihrem Helene-Fischer-Cover „Arbeitslos durch den Tag“ singen selbst die mit, die eigentlich nur wegen Montreal gekommen sind.

Die liefern anschließend an ihre Vorband dann solide Arbeit ab. Montreal spielen sauberen Pop-Punk. Die Doublebass drückt an den richtigen Stellen, die Riffs Fackeln an die Decke, wenn sie sollen. Die Texte: Geständnisse aus dem Leben einer ewigen Studenten-WG. Das Publikum: begeistert.

Nach fast drei Stunden endet das Konzert unter Trommelrollen. „We Wish You a Merry Christmas“ dröhnt es in den Saal, alle wogen, alle singen mit. Man erinnert sich, dass das vor zehn Jahren schon so war. Dann beginnt es, von der Decke zu tropfen. Und man wird ein wenig nostalgisch. Weil man vergessen hatte, dass das eigentlich auch schon immer so war.

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