Tutanchamun wurde als Ketzer verdammt

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Tutanchamun : Wo die Toten wohnen
Christian Schröder
Goldmaske des Pharaos Tutanchamun
Goldmaske des Pharaos TutanchamunFoto: Semmel Concerts GmbH


Mit bellender Stimme zählt Hawass archäologische Krisenherde auf. Die Tempel von Edfu sind von Neubauten bedroht. In Alexandria ist ein römisches Amphitheater überbaut worden. Bei Dahschur und Mit-Rahina sollen auf Grabungsfeldern islamische Friedhöfe entstehen. „Und gibt es erst einmal einen Friedhof, ist der Ort für Jahrhunderte für die Forschung verloren.“ Hawass’ Lieblingsprojekt war ein „Replica Valley“, das mit Nachbauten der Pharaonengräber im Maßstab 1:1 den Besucherdruck vom Tal der Könige nehmen sollte. Die Regierung der Muslimbrüder hat es abgeblasen. Sie forciert stattdessen den megalomanen Plan eines „Grand Egyptian Museums“ in der Nähe der Gizeh-Pyramiden, das einhunderttausend Exponate aufnehmen soll, darunter den Tut-Schatz. Bislang ist erst das Fundament gelegt und ein Forschungslabor gebaut, die Finanzierung stockt, aber Gründungsdirektor Hussein Bassir versichert: „Wir eröffnen 2015.“

Ausgerechnet Tutanchamun gilt heute als der berühmteste Pharao. Vergleichbar wäre es, wenn sich die Welt einst aus der deutschen Geschichte einzig an den Kurzzeitkanzler Kiesinger erinnern würde. Denn Tutanchamun war kein bedeutender, geschweige denn ein großer Herrscher. Den Thron bestieg er als Kind-König noch unter dem Namen Tutenchaton, „lebendiges Abbild des Aton“. Das Wort erinnert an den Kult um die Sonnengottheit Aton, mit dem sein Vater Echnaton den alten Vielgötterglauben durch den ersten Monotheismus der Weltgeschichte ersetzt hatte. Die Aton-Religion ging nach dem Tod von Echnaton und seiner Gemahlin Nofretete unter, hinterließ aber – davon zeugt derzeit die Ausstellung „Im Licht von Armana“ im Neuen Museum Berlin – erlesene Kunstwerke. Obwohl Tutanchamun die alten Götter zurückkehren ließ, wurde er als Ketzer verdammt. Seine Nachfolger ließen ihn aus der Königsliste streichen. Wohl nur deshalb überstand sein Grab unversehrt die Zeiten.
Seine Goldmaske darf Ägypten nicht mehr verlassen. Wenn nun dennoch die Ausstellung „Tutanchamun – Sein Grab und die Schätze“ nach Berlin kommt, ist das ein Fall von gelungener Augentäuschung. Gezeigt werden die Maske und weitere tausend Exponate als Repliken in Originalgröße. Bislang kamen vier Millionen Besucher, die Schau tourt inzwischen in dreifacher Ausführung durch die Welt. Berlin ist die 17. Station. Was es zu sehen gibt? Wunderbare Dinge.
„Tutanchamun – Sein Grab und die Schätze“ ist vom 9. März bis zum 1. September in der Berliner Arena zu sehen, täglich 10–18 Uhr.

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