Tyshawn Sorey beim Jazzfest Berlin : Das Viele und das Eine

Im Bann des Zen: Der Schlagzeuger und Komponist Tyshawn Sorey ist der erste Artist-in-Residence des am Dienstag beginnenden Berliner Jazzfests. Er tritt dort gleich viermal auf.

Mit einem MacArthur „Genius“ Grant ausgezeichnet. Tyshawn Sorey.
Mit einem MacArthur „Genius“ Grant ausgezeichnet. Tyshawn Sorey.Foto: John D. and Catherine T. MacArthur Foundation

Welche Exzesse der Langsamkeit. Tyshawn Soreys Musik steht kaum jemals still, aber sie gerät auch nur selten in Bewegung. Zeitlupenhaft wechselt sie ihre Gestalt. Oder sind es Splitter kosmischer Unendlichkeiten, die im Zeitraffer durcheinanderwirbeln? Und was für eine grüblerische Wachheit wohnt zwischen ihren tönenden Schatten und Phantomen. Mit ihren dissonanten Zacken hat sie etwas von der Strenge Neuer Musik, von ihrer Weite her atmet sie die Freiheit des Jazz – wenn sich die kollektiven Prozesse dieser Musik, in der Komponiertes und Improvisiertes unterschiedslos ineinanderfließen, überhaupt kategorisieren ließen.

Man könnte Aufschluss bei den Titeln suchen, die Tyshawn Sorey den Stücken seines jüngsten Albums „Verisimilitude“für ein Klavier, einen Kontrabass und ein Schlagzeug gegeben hat. „Cascade in Slow Motion“ heißt das im Vergleich eingängigste von ihnen, „Contemplating Tranquility“ ein anderes, und noch ein anderes, voller elektronisch schwirrender Finsterkeiten, „Obsidian“ – so wie das vulkanische Glas, das entsteht, wenn kochende Lava auf kaltes Wasser trifft und in schwarzem Glanz erstarrt. Doch jedes starke Bild wird dieser Klangwelt nicht gerecht. Sie löst zwar Bilder aus, hat aber keine illustrativen Ansprüche.

Erschaffen hat sie ein Schlagzeuger, der ihre Zurückgenommenheit nur für Momente sprengt. Dieser stille, jede Geste auskostende Tyshawn Sorey ist allerdings nur einer unter vielen. Beim Berliner Jazzfest, dessen scheidender Leiter Richard Williams ihn als ersten Artist-in-Residence eingeladen hat, kann man sich Abend für Abend fragen: Welcher Sorey steht eigentlich heute auf der Bühne?

Sein Trio mit dem Pianisten Cory Smythe und dem Bassisten Chris Tordini bündelt seine persönlichen Ideen vielleicht am intensivsten. Daneben aber gibt es den Dirigenten Sorey, der am letzten Abend ein Orchester von 20 frei improvisierenden Musikern aus der Berliner Szene mit codierten Handzeichen und schriftlichen Spielanweisungen zu einer Echtzeitkomposition anstiften will, wie er sie bei seinem verstorbenen Mentor, dem Trompeter Butch Morris und dessen unorthodoxem „Conduction“-System, gelernt hat. Es gibt den Posaunisten und Pianisten Sorey. Und es gibt den hart swingenden Hochenergetiker, der seit Jahren die Lunte für die ekstatischen Soli der deutsch-polnischen Saxofonistin Angelika Niescier legt: Sie wird während des Festivals mit dem diesjährigen Albert-Mangelsdorff-Preis ausgezeichnet.

Bravourös auf allen Feldern

Tyshawn Sorey hat sich mit seinen 37 Jahren schon auf fast allen Feldern getummelt, die improvisierende Musiker bestellen können. Da wirkt Fieldwork, der Name einer besonders prominenten seiner unzähligen Formationen mit dem Pianisten Vijay Iyer und dem Saxofonisten Steve Lehman fast wie ein Programm. Unter Soreys Händen sind die afrikanischen Polyrhythmen von Steve Coleman and Five Elements nicht weniger erblüht als die ungeraden Metren, wie sie Lehman in seinen ureigenen, an der europäischen Spektralmusik geschulten Kompositionen verwendet. Man kann ihn ins offene Free-Jazz-Gefecht werfen oder einem lässig Standards aufpolierenden Gitarrentrio mit Hammond-Orgel beigesellen: Er spielt bravourös.

Es ist nur so, dass an ihm ein beharrlicher Ehrgeiz nagt, den Schlagzeuger als Mann an der Schießbude hinter sich zu lassen, als wäre dieses Klischee nicht längst erledigt. Sorey will um jeden Preis als Schöpfer ernst genommen werden. Bei dem Posaunisten und Improvisationstheoretiker George Lewis hat er an der Columbia University Komposition studiert – und das mit Folgen: In diesem Herbst beerbt er den emeritierten Anthony Braxton, in den Siebzigern ein Gott der schwarzen Avantgarde, an der Wesleyan University in Middletown, Connecticut. Kürzlich wurde ihm die höchste Auszeichnung der US-amerikanischen Stipendienwelt zuerkannt, ein MacArthur „Genius“ Grant. Zusammen mit seiner Frau, der Musikethnologin Amanda Scherbenske, ist er zudem seit einem Dreivierteljahr Vater einer Tochter.

Die Geschichte dieser demonstrativen Offenheit, die Film und Literatur einschließt, lässt sich auf zweierlei Weise erzählen. Als die einer eklektischen Neugier, die schon der Jugendliche in Newark, New Jersey, pflegte. Und als die eines späten Schlüsselerlebnisses, das ihm half, auch das scheinbar Unvereinbare miteinander zu vereinbaren. 2006 besuchte er während einer Japantournee ein Zenkloster und war hinterher nicht mehr derselbe.

Als Siebenjähriger hatte ihm auf seinen Expeditionen in die örtlichen Plattenläden, zu denen ihn sein Onkel mitnahm, eine Aufnahme von Dizzy Gillespie die Ohren für den Jazz geöffnet. Wenig später machte sich Sorey mit Soul und Blues und dem elektrischen Herbie Hancock bekannt. Auf Walkman-Kassetten sammelte er, was die Vorräte der Verwandtschaft und des Public Radio hergaben. Zugleich verbunkerte er sich, während seine Altersgenossen draußen herumstromerten, hinter seinem Drumset. Unter den 20 Alben, die seinen Lebensweg geprägt haben, nennt er Otis Redding und James Brown gleichberechtigt neben den Klaviersonaten von Pierre Boulez, dem Death Metal von Gorguts und Morton Feldmans spätem Orchesterstück „For Samuel Beckett“.

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