Einfaches und Komplexes

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Tyshawn Sorey beim Jazzfest Berlin : Das Viele und das Eine
An seinem neuen Arbeitsplatz. Professor Tyshawn Sorey in der Wesleyan University.
An seinem neuen Arbeitsplatz. Professor Tyshawn Sorey in der Wesleyan University.Foto: John D. and Catherine T. MacArthur Foundation

Mit Feldmans zaghaft metamorphisierenden Gebilden und dem Klangfarbenzauber des frühen John Cage verbindet ihn tatsächlich einiges. Soreys 40-minütige „Permutations for Solo Piano“ auf seinem Debüt „That/Not“ (2007) wären ohne Feldmans „Palais de Mari“ oder „For Bunita Marcus“ kaum zu denken. Aber wo er anfangs nach eigenem Eingeständnis Schwieriges manchmal nur um des Schwierigen willen komponierte, hat ihn die Philosophie des Zen eine Haltung gelehrt, in der das Einfache und das Komplexe gar nicht erst konkurrieren.

Sein hypnotisches Trioalbum „Koan“ (2009) mit dem Gitarristen Todd Neufeld und dem Bassisten Thomas Morgan verweist schon im Titel auf die paradoxen Fabeln, mit denen Zenmeister ihre Schüler animieren, den Käfig der dualistischen Rationalität zu sprengen. In seinen Erläuterungen zu „Koan“ macht sich Sorey eine Formulierung des chinesischen Mönchs Wumen Huikai aus der Song-Dynastie des 13. Jahrhunderts zu eigen. Meister Wumen, heute besser unter seinem japanischen Namen Mumonkan bekannt, kommentiert im 16. von 48 legendären Fällen, die in dem Buch „Die torlose Schranke“ gesammelt sind, die Aufhebung des Gegensatzes von Klang und Stille. Er schließt: „Wenn du erwacht bist, sind alle Dinge eins. Wenn du nicht erwacht bist, sind alle Dinge unterschieden und getrennt. Wenn du nicht erwacht bist, sind alle Dinge eins. Wenn du erwacht bist, sind alle Dinge unterschieden und getrennt.“

Man kann das als Anleitung zum Umgang mit der verwirrenden Vielfalt von Musik quer durch alle Kulturen verstehen. Man kann es aber auch als Empfehlung zum Hören von Tyshawn Soreys eigener Musik nehmen. Einer Musik, deren Unauffälligkeit für den Hintergrund geeignet zu sein scheint, obwohl sie ungeteilte Aufmerksamkeit erfordert. Diese Aufmerksamkeit bedeutet keine angestrengte Konzentration, sondern die selbstvergessene Bereitschaft, die Dinge so im Moment geschehen zu lassen, wie sie geschehen.

Das ist, anders als die Freude, die Musik sonst dadurch bereitet, dass sie harmonische und melodische Erwartungen erfüllt, die sie selbst aufgebaut hat, ihr ureigenes Glück. „Listening by not listening“, nennt Tyshawn Sorey diese Erwartungslosigkeit, die ihn gelehrt hat, dass es sein persönlicher Fehler ist, wenn er bestimmte Musikformen nicht in sein Höruniversum integrieren kann.

Den Hörer im Ungewissen lassen

Nicht alles, was er angefasst hat, ist gleich gelungen. Am einen Ende droht eine methodische Überfrachtung, gegen die er im ersten dodekaphonischen Überschwang nicht gefeit war. Am anderen Ende droht ein Aktionismus, der die Spontaneität frei improvisierender Musiker mitunter so ermüdend austauschbar macht. Wo sich beide Tendenzen aber neutralisieren und sich zu einem Dritten vereinen, entstehen fern aller vertrauten Idiome Werke wie „The Inner Spectrum of Variables“ für ein Klaviertrio und ein gleichberechtigtes Streichtrio mit dem Cellisten Rubin Kodheli. Überzeugender kann man die Grenzen von Notentext und Ad-hoc-Erfindung nicht überschreiten – und den Hörer dabei im Ungewissen lassen, welche Anteile welche Ursprünge haben.

Sorey versteht sich auch darin als Erbe der schwarzen Kollektive aus dem Umkreis der Association for the Advancement of Creative Musicians (AACM), für die beispielhaft das Art Ensemble of Chicago steht. Mit dessen konzeptstärkstem Kopf, dem 77-jährigen Multiinstrumentalisten Roscoe Mitchell, ist er auf einem Duoalbum zu hören. Und bei der Aufnahme von „Bells for the South Side“, Mitchells jüngsten Kompositionen im Auftrag des Chicago Museum of Contemporary Art, hat er als Posaunist mitgewirkt.

Musik mag grundsätzlich nichts anderes sein als die Organisation von Klängen in der Zeit. Tyshawn Sorey aber versteht sich wie nur wenige darauf, in dieser elementaren Aufgabe etwas Ereignishaftes jenseits aller Gattungen zu entdecken.

Infos zum Jazzfest: www.berlinerfestspiele.de

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