"Ubu Rex" am Berliner Ensemble : Schamlos harmlos

Regisseur Stef Lernous macht im Neuen Haus des Berliner Ensembles Alfred Jarrys Skandal-Klassiker "König Ubu" zur tumben Trump-Farce.

Tilo Nest spielt den Vater Ubu.
Tilo Nest spielt den Vater Ubu.Foto: JR Berliner Ensemble

Frau Ubu hat sich gewaltig vertan. Die prollig aufgerüschte Möchtegern-Lady, die Stefanie Reinsperger im geblümten Stretchkleid an die Rampe turnt, träumt von einem diabolischen Ehemann – und hat doch nur ein greinendes Riesenbaby abgegriffen. „Ich wollte schon immer den Teufel heiraten, viel attraktiver als Gott“, charmiert sich die Schauspielerin kokett ans Publikum heran. „Gott hat seine Gebote, aber mit dem Teufel weißt du nie, was passiert.“

Pech gehabt, könnte man schulterzuckend meinen, Augen auf bei der Gattenwahl! Nur ist Frau Ubu eben leider nicht die einzige, die dieses alt gewordene Trotzköpfchen, das da mit der schütteren Blondhaarfrisur hinter ihr auf dem Ledersessel hockt und Chips in sich hineinstopft, zwei Stunden lang am Hals hat. Sondern auch die trübe Spin-Doktoren-Truppe, die der belgische Theatermacher Stef Lernous in seiner Inszenierung „Ubu Rex“ im Neuen Haus des Berliner Ensembles auffährt, muss den debilen Jammerlappen aushalten. Und, natürlich, das Publikum.

Denn das weiß sehr wohl, was passiert – und zwar von der ersten Sekunde an. Stef Lernous hat Alfred Jarrys 1896 in Paris uraufgeführten Fünfakter „König Ubu“, der seinerzeit einen Skandal auslöste, für die Gegenwart überschrieben und mit krachlederner Plakativität auf Donald Trump gemünzt. In Jarrys Stück, das auch als Shakespeare-Parodie gelesen werden darf, rüpelt sich ein tumber, infantil triebgesteuerter Kleinbürger namens Vater Ubu auf den Thron.

"Realität ist, was man wir daraus machen", findet Frau Ubu.

Wenn nun dessen Darsteller Tilo Nest im BE nicht gerade auf den besagten Chips herumkaut oder Grimassen schneidet, zieht er einen blauen Anzug über sein voluminöses Fatsuit, bindet eine rote Krawatte um und gibt noch mal alles zum Besten, womit sich der amtierende US-amerikanische Präsident bis dato realiter so disqualifiziert hat. „Wir mauern alle Fenster und Türen zu, dann kann niemand mehr rein, das ist billiger als eine Mauer und macht weniger Ärger“, spielt er in der betont schäbigen Bühnen-Bude von Sven van Kuijk auf Trumps Mauerbaupläne an.

Und Frau Ubu erklärt noch mal die Sache mit den Fake News: „Realität ist das, was wir draus machen“, wimpernklimpert sie in Richtung der engsten Mitarbeiter.

Als da wären: Ein leicht unterbeschäftigter Doktor (Owen Peter Read), das optisch zwar schon arg zerzauste, aber trotzdem wacker dauerstrahlende „Gewissen“ (Cynthia Micas) sowie ein schlaff herumschlurfender Kellner (Paul Zichner). Der tritt einmal an die Rampe, um seine Grundlebenssituation – das Warten – aus seiner englischsprachigen Berufsbezeichnung herzuleiten.

Um wieviel komplexer ist Elfriede Jelineks Trump-Analyse

Er sei „the waiter“, erklärt er mit Schlafzimmerblick, also der Kellner; von „wait“, warten. Wenn Ubu die ganze Crew aus Lust und Laune zu sinnfreien Hüpf-Choreografien antreten lässt, wird auch das Publikum zum „waiter“: Die Szene zieht sich.

Wäre dieser „Ubu Rex“ die allererste Trump-Farce im Theater, würde man sich das unter Umständen noch gefallen lassen – bei allen dramatischen Schwierigkeiten, parodistisch überhaupt mit dem Original mitzuhalten. Aber inzwischen gibt es ja durchaus komplexe Trump-Analysen wie Elfriede Jelineks Stück „Am Königsweg“, das – in Falk Richters Urinszenierung vom Hamburger Schauspielhaus – beim vorletzten Theatertreffen auch in Berlin zu sehen war.

Da fragt man sich schon, wen Stef Lernous bei seinem BE-Debüt eigentlich hinter welchem Ofen hervorzulocken gedenkt. Zumal auch die auf schmissig gebürsteten Songs, die zwischendurch von den Akteuren mit Live-Band-Begleitung intoniert werden, den Hausgeist Brecht eher alt aussehen lassen.

An den Schauspielerinnen und Schauspielern liegt es nicht, die legen sich ins Zeug. Aber was sollen sie machen, wenn es – was am BE mindestens bei den neuen Dramatik-Versuchen langsam zum Dauerproblem wird – nichts als müde Klischees zu spielen gibt?

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!