Überblick Berlinale-Generation : Tochter, warum bist du so wütend?

Jugend- und Kinderfilme auf der Berlinale: Kämpferische Mädchen und verzweifelte Jungen in der Generation.

Kirsten Taylor
Tanit Lidia Coquiche Cenepo in „By the Name of Tania“ (14plus).
Tanit Lidia Coquiche Cenepo in „By the Name of Tania“ (14plus).Foto: Clin d’oeil Films

Wie erstarrt steht die 16-jährige Sangay in der Küche. Plötzlich wirft sie einen Teller auf den Boden. Und dann noch einen. Sie platzt fast vor stiller Wut. Denn da sind ihr Vater, ihr verheirateter Liebhaber, der strenge Schuldirektor, die ihr mit Forderungen und Ansprüchen fast die Luft zum Atmen nehmen. Ihr Vater schnitzt aus Holz stolze Phalli, die, so glaubt man in Bhutan, böse Geister vertreiben, in „The Red Phallus“ aber zum Symbol für männliche Dominanz, für Gewalt und gar Missbrauch werden, von denen sich Sangay befreien will.

Auch die Titelheldin aus „Bulbur Can Sing“ fühlt sich eingeengt. „Warum bist du so wütend?“, will ihre Mutter einmal wissen. Bulbur ist zum ersten Mal verliebt und sie will das leben. Doch die soziale Kontrolle in ihrem indischen Heimatdorf ist hoch. Wer gegen die ungeschriebenen Regeln verstößt, wird bestraft, auch wenn das vermeintliche Delikt nur aus einer Umarmung oder zaghaften Küssen besteht. Und dann ist da noch das New Yorker Girlie in „Goldie“. Nachdem ihre Mutter verhaftet wurde, bricht alles auseinander, nicht nur ihre Familie, sondern auch ihr Traum, als Tänzerin berühmt zu werden.

Der „weibliche Blick“, so Generationsleiterin Maryanne Redpath, steht dieses Jahr im Mittelpunkt des Jugendprogramms Generation 14plus. Das zeigt sich nicht nur darin, dass mehr als die Hälfte der Beiträge von Regisseurinnen stammen, sondern auch in den Filmen, die sich überwiegend um Mädchen drehen – und die haben oft eine ordentliche Wut im Bauch. Sie stoßen sich an überkommenen Traditionen, an patriarchalischen Strukturen, an kaputten Familien, die sie behindern, sie nicht selbstbestimmt leben lassen. Und genau dagegen kämpfen Mädchen wie Sangay, Bulbur oder Goldie. Scheitern sie, wird zumindest ihr Schicksal ins Zentrum gerückt und bestehendes Unrecht angeprangert. So wie in „By the Name of Tania“. Die Hauptfigur, die für viele andere steht, will bei den peruanischen Goldminen, wo man Mädchen angeblich mit Goldstaub berieselt, ein neues Leben beginnen. Doch dort gerät sie in die Hölle der Zwangsprostitution, die ihr alles raubt: ihren Namen, ihren Körper, ihre Identität. Dass sie den Ausbruch gewagt hat, erahnt man, weil die eindringlichen Erzählungen aus dem Off auf realen Polizeiprotokollen basieren, während die Geschichte an sich sehr poetisch nachinszeniert wurde.

Die Filme sind nicht immer leichte Kost

Nicht immer wird in den Dokumentarfilmen des Kinder- und Jugendprogramms deutlich, was Fakten, was Fiktionen sind, was durchaus diskussionswürdig ist. „Wir navigieren sehr gerne in dieser hybriden Welt“, erklärt die Sektionsleiterin. Sie will mit den verschiedenen „dokumentarischen Formen“ auch das Nachdenken über filmisches Erzählen und die Darstellung von Wirklichkeit anregen. Erstaunlich ist, wie viel Nähe die jungen Protagonisten in diesen Filmen zulassen, was wohl auch damit zu tun hat, dass sie mit sozialen Medien und ständiger Selbstdarstellung aufwachsen.

Veera blickt in dem finnischen Dokumentarfilm „The Magic Life of V“ auf eine Kindheit mit einem gewalttätigen Vater zurück. Durch Rollenspiele, in denen sie mal Magierin, mal Kriegerin ist, arbeitet sie das Vergangene auf und deckt ihre Gefühlswelt auf. Einem Trauma nähert sich auch der norwegische Dokumentarfilm „Reconstructing Utøya“ an, der außer Konkurrenz gezeigt wird. Vier junge Frauen und Männer, die das Massaker von 2011 überlebt haben, stellen zusammen mit Gleichaltrigen in einem kargen Filmstudio ihre schmerzlichen Erinnerungen nach. Das Grauen wird direkt erfahrbar, doch es wird ihm auch etwas entgegengestellt, nämlich Toleranz, Mitgefühl und Lebenslust.

Dass die Filme der Sektion nicht immer leichte Kost sind, wird oft kritisiert, gehört jedoch zum Konzept der Programmmacher. „Wir gucken, wo es schmerzt in der Welt“, sagt Maryanne Redpath und bringt auch Filme wie den australischen Dokumentarfilm „2040“ ins Kinderprogramm, der sich mit dem Thema Klimawandel beschäftigt. Dass sie mit diesem Ansatz nicht ganz falsch liegt und sich junge Zuschauer durchaus auf belastende Themen und mitunter sperrige Filme einlassen, zeigen nicht zuletzt auch die regen Publikumsgespräche und die oft überschwängliche Begeisterung für das Geschehen auf der Leinwand, ganz besonders im Kinderprogramm Generation Kplus, das dieses Jahr mit dem Berlin-Film „Cleo“ eröffnet wird. Wie wäre es, wenn man die Zeit zurückdrehen könnte, den viel zu frühen Tod der Eltern rückgängig machen könnte? Solch eine Zauberuhr haben die Berliner Einbrecher Franz und Erich Sass in den 1920ern angeblich geraubt, aber niemand weiß, wo sie nun ist. So macht sich die erwachsene (!) Titelfigur auf Schatzsuche, die sie mitten hinein in die spannende Geschichte der Stadt führt und zu sich selbst.

Elis Gerdt und Lily Wahlsteen in "Sune vs Sune" (Kplus)
Elis Gerdt und Lily Wahlsteen in "Sune vs Sune" (Kplus)Foto: Erik Persson

Die Frage, wer man ist und sein will, steht im Zentrum von Kplus. Und es sind oft genug alltägliche Herausforderungen, die die Kinder in ihrer Entwicklung weiterbringen, wie beispielsweise die dänisch-schwedische Produktion „Sune vs Sune“ zeigt: Seitdem es in seiner Klasse einen Jungen mit demselben Namen gibt, ist die Welt des zehnjährigen Sune nämlich aus den Fugen geraten. Denn der Neue ist nicht nur viel cooler, sondern plötzlich auch der Star der Klasse. Sunes Bemühungen, es seinem Namensvetter gleichzutun, ihn gar zu übertreffen, scheitern kläglich, zumal er nicht ehrlich zu den Menschen ist, die ihm etwas bedeuten. „Du bist gar nicht mehr du“, wirft ihm sogar seine beste Freundin Sophie vor. Doch am Ende gelingt es Sune, über seinen eigenen Schatten zu springen.

Was wirklich im Leben zählt, lernt auch Samuel in der niederländischen Literaturverfilmung „Mijn bezonder rare week met Tess“. Schon lange beschäftigt ihn die Frage, wie es sich wohl anfühlen wird, wenn seine Eltern und sein Bruder tot sind. Beim Familienurlaub auf der Insel Terschelling beginnt er das Alleinsein zu trainieren, doch dann begegnet er der etwas älteren Tess, die ihren leiblichen Vater finden will. Zwei schöne Beispiele dafür, was Kinderfilm jenseits des Mainstreams sein kann: nämlich humorvoll und dabei ganz nah an den Fragen und Konflikten, die Mädchen und Jungen in diesem Alter haben. Kirsten Taylor

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