Umbo in der Berlinischen Galerie : Einer der besten Fotografen der Weimarer Zeit

Immer wieder vergessen und wiederentdeckt: Die Berlinische Galerie zeigt das Gesamtwerk von Umbo.

Umbo lernte Ruth Landshoff im „Romanischen Café“ kennen und inszenierte sie immer wieder als Ideal ihrer Zeit.
Umbo lernte Ruth Landshoff im „Romanischen Café“ kennen und inszenierte sie immer wieder als Ideal ihrer Zeit.Foto: © Phyllis Umbehr/Galerie Kicken Berlin/VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Es ist das Schicksal des Fotografen Umbo und seines Werks, vergessen und wiederentdeckt zu werden, immer wieder. Die große Ausstellung, die ihm jetzt in der Berlinischen Galerie bereitet wird, bezeichnet die dritte Wiederentdeckung.

Die erste hatte Umbo – geboren als Otto Maximilian Umbehr 1902 in Düsseldorf – gerade noch zu Lebzeiten der vorangehenden, völligen Vergessenheit entrissen. Das war 1979, als ihm das heutige Sprengel-Museum in Hannover, wo er nach dem Zweiten Weltkrieg hängen geblieben war, eine erste Ausstellung widmete. 

Umbo starb 1980, und die kurzzeitige Neugier auf diesen exzellenten Zeitzeugen der zwanziger Jahre verebbte wieder. 1995 dann grub der Fotohistoriker Herbert Molderings das Werk nochmals und gründlicher aus. Eine Ausstellungstournee war die Folge, die auch am Berliner Bauhaus-Archiv Station machte.

Nun, ein weiteres Vierteljahrhundert später, kommt die mit gut 200 Arbeiten nochmals umfassendere Ausstellung zustande, die als Übernahme aus dem Sprengel Museum Hannover in der Berlinischen Galerie eröffnet wurde, begleitet von einem prachtvollen Katalog. 

Schüler von Johannes Itten 

Umbos Nachlass wurde 2016 von der Stiftung Bauhaus Dessau, dem Sprengel Museum und der Berlinischen Galerie gemeinsam erworben.

Das Auf und Ab der öffentlichen Wahrnehmung passt zu Umbo und seinem unsteten Wesen und Leben. Er wird gemeinhin als Bauhaus-Schüler geadelt. Verschwiegen wird dabei, dass er 1922 – noch tief in der Weimarer Frühzeit des Bauhauses – vom Meisterrat wegen „Bummelei“ der Lehranstalt verwiesen wurde. Und doch hatte er studiert, ja geradezu ausgelernt.

Er ging bei Johannes Itten in den Kurs, diesem rätselhaften Esoteriker, und lernte von ihm das Sehen und Formen, das seine Fotografien kennzeichnete. Dabei eignete er sich die Fotografie als Technik selber an, in Berlin, wohin es ihn zog und wo er im legendären „Romanischen Café“ buchstäblich seine Zelte aufschlug. 

Dort lernte er Ruth Landshoff kennen, Schauspielerin und Muse. Seine Aufnahmen von ihr zeigen das Idealbild der „Neuen Frau“, der selbstbewussten jungen Frau der Goldenen Zwanziger.

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Umbo wurde nachgerade berühmt, die Illustrierten verpflichteten ihn für Bildreportagen. Am bekanntesten wurde die Serie über den Clown Grock und dessen Verwandlung vom Privatmann in den Mimen. Da müssen sich verwandte Geister begegnet sein, denn die Melancholie, die die tiefere Grundlage des Clownsberufs bildet, war Umbo selbst eigen.

Zugleich experimentierte Umbo mit der Fotografie. Straßen fotografierte er von oben, sodass die Schatten der Fußgänger abstrakte Muster auf die Bildfläche werfen, und bereits 1926 fertigte er Montagen wie den bekannten „Reporter“ aus den Utensilien seines Berufs.

Er fotografierte Schaufensterpuppen, diese Lieblingsrequisite der Pariser Surrealisten, aber anders als diese ganz und gar wie Menschen. Daraus entstand die Serie „Eine gefährliche Straße“, die 1929 mit einem Text von keinem Geringeren als Franz Hessel im Frankfurter „Illustrierten Blatt“ erschien. Umbo war erfolgreicher Reportagefotograf bei der Agentur „Dephot“.

Sein Studio, in dem im Laufe der Jahre mehrere Zehntausend Negative zusammenkamen, ging bei einem der verheerenden Luftangriffe auf Berlin im Spätsommer 1943 in Flammen auf. Da hatte Umbo, von Kollegen aus der Weimarer Republik vor dem Fronteinsatz bewahrt, als Fotograf auch Reportagen für NS-Magazine gemacht, harmlose Bilder in einer Zeit, in der – mit Brecht – eben auch harmlose Bilder alles andere als harmlos waren. 

Bohémien par excellence

Für die Illustrierte „Stern“ – das Vorbild für Henri Nannens gleichnamigen Nachkriegserfolg – machte er eine Titelgeschichte über den Saison-Star im Berliner „Wintergarten“, für die NS-Propagandazeitschrift „Signal“ 1940 eine Story über sich selbst, „Brumbo leistet Großes mit der Kleinbildkamera“.

Das alles zeigt die jetzige Ausstellung in Fotografien und dokumentierendem Material. Naturgemäß steht das Œuvre der Zwanziger im Mittelpunkt, das, ungeachtet aller fotografischen Experimente, ein wirklichkeitsgesättigtes Bild dieser bewegten Zeit liefert, jedenfalls in Berlin. 

Umbo, in der Jugend Wandervogel, ist der Bohémien par excellence, lustvoll getrieben durch die Stadt, deren bildnerische Reize er einfängt, aber zugleich auch inszeniert, ohne je an neusachlicher Strenge einerseits oder gar an sozialkritischer Analyse andererseits interessiert zu sein wie so viele Kollegen.

Nach dem Krieg konnte Umbo nicht mehr an die frühere Leichtigkeit anknüpfen. Irgendwie gestrandet in Hannover, fiel er buchstäblich aus der Zeit, auch wenn er mit seinen Experimenten – ungegenständlichen Fotoarbeiten – gut in die Avantgarde-Gruppierung „subjektive fotografie“ gepasst hätte, von der er jedoch keinerlei Kenntnis besaß.

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Ein Netzwerk wie etliche Propagandafotografen der Wehrmacht besaß er ebenfalls nicht, mit dessen Hilfe er bei den neuen Zeitschriften wie dem in Hannover gegründeten „Spiegel“ dauerhaft hätte reüssieren können. 

Noch einmal schien ihm eine Zukunft als Reporter beschieden – er wurde für drei Monate in die USA eingeladen und bereiste das Land 1952 wie nur drei Jahre nach ihm Robert Frank, aber anders als der zum Weltstar aufsteigende Schweizer fand Umbo keine Resonanz für seine Aufnahmen, die in der Ausstellung fast wie ein Fremdkörper wirken.

Er resignierte danach. Umbo wurde vergessen und lebte mehr und mehr am Rande, über Wasser gehalten durch Jobs wie in der Hannoveraner Kestner-Gesellschaft, wo er als Mann an der Kasse seinen Lebensunterhalt aufbessern durfte. Bis ihm zum Ende seines Lebens doch noch die verdiente Anerkennung zuteil wurde, die die jetzige Ausstellung posthum so eindrucksvoll bekräftigt.

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[Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124–128, bis 20. Juli. Katalog im Snoek Verlag 48 €, im Buchhandel 78 €. Führungen und umfangreiches Rahmenprogramm unter www.berlinischegalerie.de]

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