Umzug der Dahlemer-Sammlungen : Langboote auf Tiefladern

Die ersten Großobjekte verlassen Dahlems Museen und bewegen sich in Richtung Humboldt-Forum. Ein Besuch bei den Restauratoren.

Letzte Vorbereitungen vor dem Umzug. In der einstigen Südsee-Halle werden die Kisten kurz vor der Abfahrt in einem silbrigen Großzelt (re.) noch 30 Tage mit Stickstoff bedampft, um Ungeziefer zu vernichten.
Letzte Vorbereitungen vor dem Umzug. In der einstigen Südsee-Halle werden die Kisten kurz vor der Abfahrt in einem silbrigen...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Bald ist das Humboldt-Forum keine leere Hülle mehr. Ende 2019 soll im wiederaufgebauten Schloss Eröffnung sein. Ein Jahr lang wurden die Großobjekte am alten Standort des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst in Dahlem zerlegt, gereinigt, konserviert. Dafür machten dort Anfang 2017 zum Bedauern der Besucher die Sammlungen endgültig dicht. Die Restauratoren übernahmen fortan die Regie in den für die Öffentlichkeit geschlossenen Ausstellungssälen, ganze Restaurierungsstraßen wurden darin aufgebaut.

Nun aber ist es so weit. Neben den Tausenden kleineren Exponaten, die erst im nächsten Jahr umziehen, begeben sich die bis zu 15 Meter langen Südseeboote, riesigen Versammlungshäuser und gewaltigen Pfähle jetzt schon in den eigens angefertigten, überdimensionalen Kisten auf die Reise nach Mitte. Für sie blieben in den Wänden des Neubaus von Franco Stella gewaltige Einlässe offen, damit sie vorab an ihre vorbestimmten Plätze gelangen können. Erst hinter ihnen wird endgültig zugemauert, um die Kisten herum geht die Architektur dann ihrer Vollendung entgegen. Bis die anderen Ausstellungsstücke 2019 für die finale Einrichtung folgen, verbleiben Boote, Kulthäuser, Pfähle der Südsee in ihren Klimagehäusen. Was über Jahre genauestens vorgeplant war, wird in diesem Frühjahr umgesetzt. Die Karawane der Staatlichen Museen mit ihren insgesamt 20 000 Exponaten – das sind vier Prozent des Sammlungsbestandes – setzt sich in Bewegung. Alles soll nach Plan laufen, das Timing stimmt.

„Wir befinden uns auf dem Sprung ins Humboldt-Forum“, beschreibt Chefrestaurator Matthias Farke den aktuellen Stand. Bei dem Koordinator von gegenwärtig 70 Restauratoren– normalerweise sind es neun – klingt das, als würde er nicht Schwergewichte stemmen, sondern sich geradezu leichtfüßig mit den ihm anvertrauten Objekten aus dem Südwesten Berlins gen Zentrum begeben. Fragt man genauer nach, beginnt er 15, 16 Chargen mit Tiefladern aufzuzählen, die wegen ihrer auskragenden Fracht meist nur nachts fahren dürfen. Noch müssen die Termine mit der Polizei koordiniert werden, nur eine Ladung pro Nacht darf die Lansstraße 8 verlassen. Ende August soll die spektakuläre Vorhut dieses wohl einmaligen Museumsumzuges komplett angekommen sein.

Ein Großzelt wie ein Zeppelin

Noch befinden sich die Kisten in der riesigen Halle, wo einst die Südsee-Häuser standen: die größten bis zu 17 Meter lang und 4 Meter hoch. Bevor sie das Haus durch einen temporären Durchbruch in der Fassade verlassen, müssen sie noch eine besondere Prozedur durchlaufen: die Entwesungskampagne. Im gleichen Saal ist ein zeppelinartiges Großzelt aufgebaut, das wie ein großer Walfisch mittels Pumpen atmet und schnauft.

In dem silbrigen Monster werden die Kisten 30 Tage lang mit Stickstoff bedampft, derzeit alle sechs umziehenden großen Boote, darunter auch das mit Masten 10 Meter hohe Luf-Boot und das Santa-Cruz-Boot mit seinem markanten Krebsscherensegel – um „unliebsame Bewohner“ loszuwerden, wie es Farke nennt. Gemeint sind Insekten, die sich in den letzten 50 Jahren in den Hölzern und Schilfen niedergelassen haben und im Humboldt-Forum erst recht unerwünscht sind. Die Methode sei ökologisch einwandfrei, so Farke, wird sie doch auch in der Lebensmittelindustrie angewandt.

Nur zwei Säle weiter, in der einstigen mesoamerikanischen Abteilung, ist der Restaurator Christoph Kronewirth am Werk. Er bearbeitet mit Pinsel und Skalpell die Rückseite einer 1,5 Tonnen schweren Cozumalhuapa-Steinstele. Auf seiner Vorderseite zeigt sie einen Regengott und Priester, der sich als Selbstopfer einen gewaltigen Dorn durch die Zunge zieht. Zusammen mit drei weiteren Stelen stammt das Stück aus dem Ort Santa Lucia in Guatemala, von wo sie der damalige Direktor des Völkerkundemuseums, Adolf Bastians, 1881 nach Berlin verschiffen ließ. Damals war man wenig zimperlich, um die tonnenschweren Stücke aus dem unwegsamen Gebiet verladen zu können und teilte sie zur Gewichtserleichterung der Länge nach.

Restaurator mit Routine

In Dahlem hingen diese einmaligen Monumente der Pazifik-Kultur Mittelamerikas der Zeit 550 bis 900 n. Chr. weiterhin halbiert an Metallgestellen. Erstmals wurden nun die zentimeterdicken Dübel der Neuzeit wieder herausgezogen, wird der Staub der jüngsten Jahrzehnte im Ausstellungssaal entfernt. Befragt, ob ihm die Kunst der Cozumalhuapa-Bildhauer imponiere, zuckt Restaurator Kronewirth mit den Schultern. Er mache das hier seit 37 Jahren, das sei mittlerweile Routine.

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Maria Gaida, Kustodin der Mesoamerika-Abteilung, begeistert sich dagegen mehr. Sie verweist auf die Farbgebung der Stele. Allerdings wurde sie erst sehr viel später koloriert, wie sich an fehlerhaften Stellen nachweisen lässt. Nur gibt es da und dort noch ältere Spuren. Was tun? Alle Farbe entfernen oder nur die gröbsten Patzer der Koloristen revidieren? Kronewirth wird sich an die goldene Restauratorenregel halten: lieber zu viel behalten als zu viel verlieren. So bleibt das konturierende Blau und Rot bewahrt, nur an der Hand des dargestellten Priesters wird ein irrtümlicher Strich getilgt. Im Humboldt-Forum wird er dann wieder aufrecht stehen. Erneut an Dübeln und an einem metallenen Gerüst.

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