Thilo Sarrazin ignoriert das Konferenzthema und wiederholt stattdessen Altbekanntes.

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Unter Rechtspopulisten : Thilo Sarrazin als Stargast bei Homophoben-Treffen
Protest. Die Polizei sicherte am Wochenende die „Compact“-Veranstaltung gegen zahlreiche Demonstranten.
Protest. Die Polizei sicherte am Wochenende die „Compact“-Veranstaltung gegen zahlreiche Demonstranten.Foto: dpa

Stargast Thilo Sarrazin dagegen ignoriert das Konferenzthema komplett und wiederholt stattdessen sein altbekanntes Zuwanderungslamento, um sich ansonsten als Verfolgter zu stilisieren, der mundtot gemacht werde. Um sich bei 1,4 Millionen verkauften Büchern mundtot zu fühlen, muss man wohl Thilo Sarrazin heißen. Vielleicht fiel ihm angesichts der disparaten Versammlung aber auch sonst nichts ein. So formulierte der Kinderbuchautor Bernhard „Käpt’n Blaubär“ Lassahn ein „Plädoyer für die Liebe“, dessen Poetik beeindruckt hätte, wäre seine Sprachgewalt nicht gegen gleichgeschlechtliche Liebe gerichtet gewesen. Im Anschluss versucht die Medizinerin Dorothea Böhm die Übel der Krippenerziehung zu belegen, indem sie Fotos von greinenden Kita-Kindern und strahlenden Mama-Kindern an die Wand projiziert. Immerhin: Ihr Krippenhass macht Böhm zur klaren Befürworterin von Adoptionen, die sich als einzige Teilnehmerin ausdrücklich auch für Homo-Adoptionen ausspricht. Teile des Publikums applaudieren.

Die große Abräumerin des Forums aber ist Béatrice Bourges, die in Frankreich im Frühjahr Millionenproteste gegen die Homo-Ehe mobilisiert hat. Das aber sei erst der Anfang gewesen, erklärt die katholische Aktivistin: Ein „französischer Frühling“ sei angebrochen, der nicht weniger als den „Niedergang der gegenwärtigen Ideologie“ zum Ziel habe. Im Welterlöserton geht es weiter, Bourges beschwört die „Befreiung des Menschen aus der Sklaverei der Bedürfnisbefriedigung“ und ruft zum Aufstand auf: „Diese Welle wird alles mit sich reißen!“ Stehende Ovationen, minutenlang.

Wer sich mit den 600 zahlenden Gästen der Konferenz unterhält, lernt neben Verschwörungstheoretikern auch viele enttäuschte CDU-Wähler kennen, die rechts runterfallen, seit ihre Partei nach links rückt. Vielleicht ist der beunruhigendste Befund von Leipzig, dass sich hier bürgerliche Rechte aus Heimatlosigkeit mit dem Narrenrand der Gesellschaft verbrüdern. Die CDU, scheint es, braucht dringend einen neuen Roland Koch, der die rechte Flanke dicht macht. Kleiner Hinweis an die Christdemokraten: Thilo Sarrazin wirkt unausgelastet.

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