Auf dem Dorf kommen ab und zu sympathische Leute von nebenan. Und ab und zu unsympathische.

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Unterbringung von Asylbewerbern : Schickt die Flüchtlinge nicht in die Dörfer!
Feindselige Umgebung. Das brennende Dach des geplanten Ayslbewerberheims in Tröglitz (Sachsen-Anhalt) in der Nacht zum 4. April 2015.
Feindselige Umgebung. Das brennende Dach des geplanten Ayslbewerberheims in Tröglitz (Sachsen-Anhalt) in der Nacht zum 4. April...Foto: dpa/Polizei Sachsen-Anhalt

Wenn sie ungewohnte Geräusche hören, wenn sie Uniformen sehen, schrecken sie auf. Wo das Rote Kreuz oder andere Organisationen sie hingebracht haben, sprechen alle eine Sprache, die sie nicht kennen. Es herrscht ein Klima, an das sie nicht gewöhnt sind. Zusammengepfercht teilen sie sich Baracken, Kasernen, Turnhallen mit anderen, die ihnen oft ebenso fremd sind wie die Leute im Aufnahmeland. Ab und zu kommen sympathische, einheimische Leute von nebenan. Ab und zu kommen unsympathische, einheimische Leute von nebenan. Und ab und an Beamte, für die Begriffe wie posttraumatische Belastungsstörung Abstrakta sind. Fortbildungen in solchen Fragen sind eine Seltenheit. Und draußen? Eine geschlossene Gesellschaft aus Dorfkneipen, Schulbussen, Scheunen, Schützenvereinen, Silos, Traktoren auf Äckern und abendlichen Fernsehrunden hinter den zugezogenen Gardinen, den Rollläden, durch deren Ritzen Lichtstreifen aus dem zugesperrten Innendringen. Von Aldi, Lidl und Behördenfluren abgesehen, sind Geflüchtete aus den Sphären der Gesellschaft ausgeschlossen.

Wer als Erwachsener eine Erinnerung an Kinderheime hat, kann unter Umständen vergleichen. Liegt das Heim zwischen Acker und Waldrand, Kilometer vom nächsten Dorf entfernt, ist das Gefängnis total, besonders im Winter. Insassen werden den Launen und Deformationen der Erzieher überlassen. Es gibt kein Außen mehr. Ein Claustrum zurrt das Bewusstsein zusammen, es gibt keine Kommunikation mehr mit der Welt. Liegt das Heim in der Ortsmitte, zwischen Läden, geselligen Straßen, wirkt die gesamte Atmosphäre freier. Selbst wenn im Inneren der Anstalt Missstände herrschen: Es gibt ein Außen. Es gibt Kommunikation mit der Welt. Darauf kommt es an, vor allem, wenn Menschen in der Fremde ankommen und zu sich kommen möchten.

Die Debatte um die Verteilung von Flüchtlingen ähnelt der um Sondermüll

„Flüchtlinge sind Objekte der Verwaltung“, konstatiert die Organisation Pro Asyl in einer Studie vom August 2014. „Bei der Wahl des Wohnsitzes und der Unterbringungsform haben sie kein Mitspracherecht. Aufnahme, Verteilung, Zuweisung und Unterbringung richtet sich nach Erfordernissen, die sich am föderalen Verwaltungsaufbau der Bundesrepublik orientieren.“ Nach einem Schlüssel werden Geflüchtete bundesweit verteilt, bürokratisches Kalkül – Asylverfahrensgesetz, Aufenthaltsgesetz und Asylbewerberleistungsgesetz – entscheiden, wer wen wo aufnimmt.

Nicht selten ähneln die Debatten um Standorte von Flüchtlingslagern dem erbitterten Gerangel um die Verteilung von Sondermüll, von Chemie- und Atomabfällen: „Wir haben schon so viel, sollen die anderen was nehmen!“ Zivilisiert wäre es allein, keinen einzigen Augenblick aus dem Sinn zu verlieren, dass es um beschädigte Menschenleben geht, um Leute, die einen sicheren Ort verdient haben, und nicht etwas, das verwaltungstechnisch gehandelt wird wie eine Deponie. Für den Überblick der Behörden mag die vorübergehende „Wohnpflicht in der Gemeinschaftsunterkunft“ Sinn haben. Aber es kommt darauf an, wo diese „Aufnahmeeinrichtung“ ist, welche Gestalt und Gestaltung sie hat.

Seit dem Tröglitz-Vorfall, wo Feuer an den Dachstuhl eines Flüchtlingsheims gelegt worden war, warnt der Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt davor, wegen solcher Anschläge Standorte aufzugeben. Andernfalls bekämen doch die Rechtsradikalen bloß ihren Willen. In der Theorie ist das richtig und rührend, es sprechen gute Menschen. Aber geht es darum, dass „wir“, als die „besseren Bürger“, uns wohler fühlen, wenn der Wille der Behörde durchgesetzt wird, Asylbewerber vorübergehend am Ort X anzusiedeln, wo sie nicht willkommen sind? Wo sie womöglich mit Polizeischutz vor der Tür frühstücken, und zu ihren Traumata neue hinzubekommen? Feindselige Umgebungen sind kein Ort für traumatisierte Gäste! Es geht nicht um eine Demonstration der Standfestigkeit, Standortfestigkeit auf Teufel komm raus. Es geht um die vor Mord und Terror Geflüchteten.

Ressentiments und Bildungsferne von Randgruppen sowohl in ländlichen Gebieten als auch in der Bevölkerung der Banlieues ähneln einander. Viele existieren dort selber in Bedrängnis, Ängsten und Nöten, sind belastet von transgenerationell weitergereichten Traumata und kennen die Erfahrung eingeschränkter Optionen auf ihrem biografischen Pfad. Ihre Psyche bemächtigt sich nur zu leicht jedes Sündenbocks, der diesen Pfad kreuzt. Beim Auftauchen Fremder haben diese Gruppen seit je die Bedrohung durch etwas gefürchtet, das ihnen selbst nicht bewusst war. Wer, wie ein Flüchtling, noch weniger Status besitzt als ein autochthoner Underdog, eignet sich als Objekt zur projektiven Identifikation. Deren Klartext klänge so: Dieser andere da ist der Nichtstuer, Gedemütigte und Staatskohle Kassierende, der potentiell kriminelle Rachsüchtige, der eigentlich ich bin – das aber vor mir selber nicht sein will.

Wer diese Gruppe der Inhaber von Ressentiments und die Gruppe der von Alpträumen verfolgten Flüchtlinge räumlich zusammensperrt, mischt einen sozial toxischen Cocktail. In den Stadtzentren, in Berlin zumal, stehen ganze Baukomplexe leer, oft seit Jahren. Mit sozialem Umdenken, architektonischer Fantasie und einer Portion Empathie im Denken der Bürokraten ist alles machbar. Es geht nicht darum, dass wir uns als Aktivisten oder Helfer wohlfühlen, sondern darum, dass schwer verletzte Ankömmlinge den ersten Schritt zur Heilung gehen. Nur so stehen sie eines Tages fester auf ihren Füßen. Mit denen gehen sie vielleicht zurück, wenn sich da, wo sie herkommen, Frieden ausgebreitet hat. Oder sie suchen sich eine eigene Bleibe und Arbeit. Baracken und Kasernen in unwirtlicher Gegend sind dabei keine Hilfe, sondern eine unmenschliche Zumutung.

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