Unterwerfung im Weißen Haus : Warum werden Menschen zu Kollaborateuren?

Von John Bolton bis Lindsey Graham: Die amerikanische Politik liefert in dieser Frage gerade unschönes Anschauungsmaterial.

Klaus Brinkbäumer
Senator Lindsey Graham war einer von Donald Trumps härtesten Kritikern, heute verteidigt er den US-Präsidenten.
Senator Lindsey Graham war einer von Donald Trumps härtesten Kritikern, heute verteidigt er den US-Präsidenten.Foto: Erin Schaff/PoolReuters

Klaus Brinkbäumer war zuletzt Chefredakteur des „Spiegel“ und arbeitet heute als Autor unter anderem für „Die Zeit“. Sie erreichen ihn unter Klaus.Brinkbaeumer@extern.tagesspiegel.de oder auf Twitter unter @Brinkbaeumer. In seiner wöchentlichen Kolumne „Spiegelstrich“ verfasst er derzeit ein Coronavirus-Tagebuch mit kurzen Beobachtungen aus dem Alltag und Überlegungen zur Krise.

Warum machen die meisten mit und nur wenige nicht? Warum schaffte es Wolfgang Leonhard, bereits 1949 zu sehen, wie verlogen der sowjetische Kommunismus (und mit ihm der deutsche) war, und darum zu fliehen, ein freier Mensch zu bleiben – während sein guter Bekannter Markus Wolf, ähnlich ausgebildet, nahezu gleich alt, vermutlich ähnlich hochintelligent, den gleichen Kommunismus erlebte, ihn aber rationalisierte und zum Chef der Stasi wurde?

Wieso agiert John Bolton, Donald Trumps ehemaliger Sicherheitsberater, wie er agiert?

Zwei Millionen Dollar für die Moral

Bolton hat ein miserables, nirgendwo zu Ende gedachtes und obendrein lausig erzähltes Buch über Trump geschrieben. Er hält Trump für unfähig, aber er hat Trump eben auch lange geholfen und traute sich nicht, während des Amtsenthebungsverfahrens auszusagen; und nun prahlt er mit jedem Lob, das Trump ihm schenkte.

Die Kombination von Intrige und Unterwerfung ist das Fürchterlichste an dieser Figur: wie Bolton sich hinterher für zwei Millionen Dollar Gage moralisch über Trump erhebt und doch noch immer nach Lob von oben giert. (Mir fällt ein ehemaliger Kollege ein, der sich exakt so verhielt, hoffentlich allerdings ohne die zwei Millionen ... es gibt die Boltons in jeder Firma, nicht wahr?)

Und wieso nun folgen Amerikas Republikaner einem inkompetenten Chef? Der Senator Lindsey Graham nannte Donald Trump vor dessen Wahl „Jackass“ und „Nutjob“, was ungefähr „Arschloch“ und „Spinner“ bedeutet; außerdem sei Trump rassistisch, xenophob und bigott. Seit der Wahl ist Graham Trumps treuester Ermöglicher und Rechtfertiger, belohnt durch Golf-Runden und Zugang zum Oval Office.

„Ich habe den Tweet nicht gesehen“ oder „Ich habe eine dringende Verabredung“, das sind dann die Sätze, mit denen sich die Grahams davor drücken, die Tabu- und Rechtsbrüche des Chefs zu kommentieren.

Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer.
Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer.Foto: Tobias Everke

Na, und warum? Diese „mystische Anziehungskraft der Nähe zu Macht“, schreibt Anne Applebaum im „Atlantic“.

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Die Historikerin Applebaum zitiert den Harvard-Kollegen Stanley Hoffmann, der Kollaborateure in zwei Kategorien unterteilte: Freiwillige und Unfreiwillige. Letztere entschuldigte er, die Freiwilligen wiederum seien dann ebenfalls in zwei Gruppen zu sortieren, Hoffmann beschrieb sie am Beispiel französischer Unterstützer der Nazis: Die eine Gruppe rationalisiere die eigene Anpassung an den Feind als „im nationalen Interesse“, die andere Gruppe sei ideologisch begeistert, befürworte Härte; in Frankreich seien dies vor allem Aristokraten und Landbesitzer gewesen sowie jene Abgehängten, die auf eine Nazi-Karriere hofften.

Freude der Konformität

Dann zitiert Applebaum den Essay „The Captive Mind“ des polnischen Literatur-Nobelpreisträgers Czeslaw Milosz. Darin beschreibt Milosz, wie erleichternd es für einen Intellektuellen sei, Teil der Masse zu werden und nicht länger mit dem Staat zu ringen; plötzlich verspüre er einen inneren Frieden, eine Sicherheit, und das Herz werde leicht, und Texte schrieben sich von selbst. Die „Freude der Konformität“, ein Milosz-Begriff.

Marianne Birthler, einstige Leiterin der Behörde für Stasi-Unterlagen, erzählte Anne Applebaum, dass nicht die Frage, warum Menschen zu Kollaborateuren würden, interessant sei: 99 Prozent der Ostdeutschen hätten schließlich entweder mit der Stasi oder der SED kooperiert und zumindest still das System getragen, so Birthler; so sei der Mensch eben.

Nein, aufregend sei das eine Prozent, das wie Wolfgang Leonhard den Mut findet, sich selbst dadurch aus der Gemeinschaft auszuschließen, dass es sein Leben riskiert für eine Idee wie die Demokratie. Oder die Freiheit.

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