Urania Berlin zeigt Michael Wolf : In der urbanen Pendlerhölle

Die Urania Berlin debütiert als Kunstausstellungsort. Mit der Retrospektive „Life in Cities“ würdigt sie den jüngst verstorbenen Fotografen Michael Wolf.

Die Serie „Tokyo Compression“ (2010-2013) hat Michael Wolf von außen auf einem U-Bahnhof fotografiert.
Die Serie „Tokyo Compression“ (2010-2013) hat Michael Wolf von außen auf einem U-Bahnhof fotografiert.Foto: Michael Wolf, courtesy Wouter von Leeuwen Gallery, Netherlands

Durch das Foyer, über den Hof und hinauf in den zweiten Stock. Ein Leitsystem in leuchtendem Orange weist in der Urania Berlin den zuvor nie beschrittenen Weg. Sie führen in lichte, mit Parkett ausgelegte Räume. Jahrelang vermietet an ein Konsulat, werden sie jetzt erstmalig bespielt. Mit künstlerischer Fotografie, genauer: mit einer Werkschau des im April verstorbenen Michael Wolf.

Kunst in der Urania? Das ist neu in der ehrwürdigen, 1888 als Verein zur wissenschaftlich-technischen Laienbildung gegründeten Institution. Die Idee stammt von Direktor Ulrich Weigand, der vor seinem Amtsantritt im letzten Jahr am Bauhaus-Archiv beschäftigt war, und neue Sitten ins Traditionshaus bringt.

Die Fotografien von Michael Wolf seien die erste Wahl für die Premiere gewesen, sagt Kuratorin Lena Lucander, die vor Wolfs plötzlichen Tod im Alter von 64 Jahren noch mit ihm zusammen an der Retrospektive gearbeitet hat. „Er hat sich spontan dafür begeistert, dass seine Bilder bei freiem Eintritt an einem ohne Hemmschwelle für jedermann zugänglichen Ort gezeigt werden sollen.“ Nicht im üblichen Kunst- oder Museumskontext also, in dem der zweimalige Gewinner des World Press Photo Awards mit seinen Bildern vom Metropolitan Museum of Art in New York bis zum Rijksmuseum Amsterdam sonst vertreten ist.

Über Urbanität wird genau hier diskutiert

Tatsächlich sind Michael Wolfs Bilder aus Megastädten wie Hongkong oder Tokio das ideale Bindeglied zwischen der Kunst und der Funktion der Urania als Bürgerforum und interdisziplinärer Wissensvermittlungsstätte. Über Urbanität wird genau hier diskutiert. Und die angestammten Berliner Ausstellungsorte für künstlerische Fotografie wie C/O Berlin, das Haus am Kleistpark und andere kommunale Galerien werden die Erweiterung im Veranstaltungsspektrum der Urania mit Fassung tragen.

Dort pressen Pusher die Pendler in gestopft volle Züge.
Dort pressen Pusher die Pendler in gestopft volle Züge.Foto: Michael Wolf, courtesy Wouter von Leeuwen Gallery, Netherlands

Das glaubt jedenfalls Lena Lucander, die für „Life in Cities“ eng mit dem Fotomuseum Den Haag und den Hamburger Deichtorhallen zusammengearbeitet hat, wo die Schau zuvor zu sehen war. Allein aus Budgetgründen sei es der Urania gar nicht im Alleingang möglich, ständig kostenlos zugängliche Ausstellungen dieser Größenordnung zu zeigen, sagt sie. Das Zauberwort der Zukunft heißt Kooperation. „Life in Cities“ hat die Lotto-Stiftung möglich gemacht.

Und natürlich nehmen zwei berühmte Serien des 1954 in München geborenen, in Kalifornien aufgewachsenen und an der Folkwang-Hochschule in Essen beim Fotografie-Doyen Otto Steinert ausgebildete Wolf breiten Raum ein: „Architecture of Density“ (2003-2014), in der er die Fassaden der Hochhäuser in seiner Wahlheimat Hongkong zu Ornamenten und von Piet Mondrians Malerei inspirierten Farbflächen verdichtet.

Da stehen sie, die Märtyrer der Pendlerhölle

Und die peinigende Serie „Tokyo Compression“ (2010-2015), die die vom Bahnsteig aus fotografierten, eingequetschten Passagiere der gestopft vollen Tokyoter U-Bahn zeigt. Einige kleben wortwörtlich an den Scheiben, andere haben noch einige Zentimeter Luft. Das von Michael Wolf als Weichzeichner eingesetzte Kondenswasser des Monsuns und die Demutshaltung der Menschen verleiht den Bildern die Kraft eines religiösen Freskos. Da stehen sie, die Märtyrer der urbanen Pendlerhölle.

Ein Hochhaus in Hongkong, wo die Serie „Architectur of Density“ (2003-2014) entstand. Von 1994 an hat der Fotograf dort gelebt und lange für Magazine wie „Stern“ und „Geo“ fotografiert.
Ein Hochhaus in Hongkong, wo die Serie „Architectur of Density“ (2003-2014) entstand. Von 1994 an hat der Fotograf dort gelebt und...Foto: Michael Wolf, courtesy Wouter von Leeuwen Gallery, Netherlands

Die Ausweg- und Endlosigkeit dieser menschengemachten Umgebung findet sich auch in Michael Wolfs Hongkonger Hochhaus-Panoramen wieder. Sie folgen einem Konzept: Wolf „plättet“ die Fassade, in dem er Erde und Himmel abschneidet. Das schafft den schön-schaurigen abstrakten Sog, der von den großformatigen, einzeln im Raum verteilten Fotografien ausgeht. Dass in der Urania der Blick durch die offenen Fenster schweifen und sich am Grün der Bäume und dem Blau des Himmels erfreuen kann, hinterfragt den auf maximale Verdichtung angelegten Städtebau der Megacities noch zusätzlich.

Eine Verbeugung vor dem menschenlichen Einfallsreichtum

Michael Wolf hat sein Fotoreporterleben als Dokumentarist sozialer Zustände erst spät, nämlich 2003 aufgegeben, um sich anschließend nur noch eigenen Serien und Fotobüchern zu widmen. Dass das so nahtlos geklappt hat, ist seiner raffinierten Bildsprache und seiner Arbeitswut zuzuschreiben. „In der Kunst wird Obsession Gott sei Dank honoriert“, war eins seiner Lieblingszitate. Dass Wolf auch ein leidenschaftlicher Sammler kurioser, vom Einfallsreichtum der Armen erzählender Gegenstände war, ist den „Bastard Chairs“ anzusehen.

[Urania Berlin, bis 14. August, tgl. 12-20 Uhr, jeden So 16 Uhr Führung. Das Katalogbuch „Works“ (Peperoni) kostet 60 €.]

Michael Wolfs Serie "Transparent City" (2006) bietet Einblicke in Chicago bei Nacht. Einer schaut zufällig Hitchcocks "Fenster zum Hof".
Michael Wolfs Serie "Transparent City" (2006) bietet Einblicke in Chicago bei Nacht. Einer schaut zufällig Hitchcocks "Fenster zum...Foto: Michael Wolf, Galerie Wouter von Leeuwen, Netherlands

Das sind ulkige selbst gebastelte Sitzgelegenheiten, die Wolf gefunden oder ihren darüber oft stark erstaunten chinesischen Besitzern abgekauft hat. Im Gegensatz zu den in Paris oder Chicago entstandenen Serien könnte man bei denen in Hongkong und Tokyo fotografierten auf die Idee kommen, dass Wolf das Klischee „asiatischer Ameisen in ihren Wohnsilos“ ausbeutet. Doch der Blick auf seine neben die kauzigen Stühle gehängten Ansichten der „Back Alleys“ genannten Gassen von Hongkong reicht, um das zu widerlegen. Da tanzen aufgehängte Gummihandschuhe im Wind, Wischmopps und Schirme verwandeln sich in wunderliche Skulpturen. Witzig sind diese Bilder, dazu poetisch und eine Verbeugung vor dem menschlichen Einfallsreichtum.

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