Sie protzen und kotzen: Reiche arme Würstchen

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Uraufführung von "Im Himbeerreich" : Die Endspielwütigen
Ein Bunker für Chefs. Sie müssen einpacken - und wollen auspacken. Investmentbanker unter sich, mit Ulrich Matthes (vorn links) und Susanne-Marie Wrage.
Ein Bunker für Chefs. Sie müssen einpacken - und wollen auspacken. Investmentbanker unter sich, mit Ulrich Matthes (vorn links)...Foto: Eventpress Hoensch

Das führt zum größten Problem des Stücks. Es gibt zwar eine Form, aber die ist nicht theatralisch. Man könnte an eine irre Komödie denken, einen Thriller, ein Spiel mit staubtrockenen Zahlen und Fakten, die einem in der Kehle stecken bleiben, hartes Dokumentartheater eben. Aber Andres Veiel liegt das nicht. Er will sich einfühlen – in die Menschen, nicht unbedingt in das System, in dem sie gefangen sind. Veiel erweist sich als Banker-Versteher, das will er wahrscheinlich dann auch nicht sein. Aber darauf läuft sein Arrangement (Inszenierung wäre ein wenig hoch gegriffen) hinaus. Einziger Erkenntnisgewinn: Man empfindet Mitleid mit den geschundenen Kreaturen aus der Chefetage. Wie sie da verbogen stehen, sich mechanisch bewegen, kaum fähig, ein wirklich persönliches Wort zu sagen, wie sie protzen und kotzen – reiche arme Würstchen.

Der Ansatz ist therapeutisch. Man denkt an Veiels Film „Die Spielwütigen“, in dem Schauspielschüler vom Theater träumen, Rollen probieren, sich ihre Karriere ausmalen. „Im Himbeerreich“ liefert das Gegenstück. Hier kommen Abgespielte, Leergespielte, Ausgebrannte zu Wort, Ex-Banker und Selbstdarsteller mit ihren Einsichten und Einbildungen.

Da zeigt sich noch ein Fehler bei diesem Experiment. Das man im Grunde ja nur begrüßen kann, weil endlich jemand nach dem großen Thema Banken und Gesellschaft greift; Urs Widmers Managerdrama „Top Dogs“ ist eben auch schon aus dem letzten Jahrhundert. Und dieses Problem haben die Schauspieler am Hals. Sie müssen ein graues Konzept erfüllen.

Susanne-Marie Wrage, die einzige Frau im Ring, strahlt Klarheit und Kälte aus. Ihr Auftritt: souverän. Ihre Bankerin scheint noch im Geschäft zu sein, man ahnt, wie hart sie sich hochgekämpft hat. Dagegen die Männer: schlaff, weinerlich. Wollen sich permanent rechtfertigen. Ulrich Matthes bringt natürlich seine schauspielerische Führungsqualität mit. Er hält eine apokalyptische Rede, geht aus sich heraus, greift das System an, so dass man denkt: Wer spricht? Ein Typ von Attac? Doch wie alle anderen wird auch er zurückgeschraubt, eingebunkert auf Veiels Krankenstation, wo die Banker am Ende in lächerlichen Trainingsanzügen stecken und sich in Bibelgeschichten und philosophischen Exkursen Luft machen.

Die Frau allein stellt sich ein kompromissloses Finale vor: mit dem Champagnerglas runter vom Dach. Erst mal aber gibt’s vom Regisseur ’ne Runde Beruhigungsmittel .

Wieder am 20., 23. und 28. Januar sowie am 12., 19., 23. und 27. Februar. Es gibt noch Restkarten an der Abendkasse des Deutschen Theaters.

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